Nicht nur in eigener Sache

Ein Artikel samt seiner Vor- und Nachgeschichte

 

Am Mittwoch letzter Woche (20. 02. 2013) erhielt ich über meinen Verlag das Angebot, bis Freitag 9.30 Uhr einen Text für die Wirtschaftsseiten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu schreiben, und zwar für die Rubrik „pro & contra“. Die Redakteurin erläuterte: „Hasso Plattner, Mitgründer von SAP, will die Hälfte seines Vermögens von 5,4 Milliarden Euro stiften (wofür genau ist noch nicht ganz klar, auf jeden Fall für wohltätige Zwecke, was ja sehr viel sein kann). Jetzt würden wir gerne ein Pro & Contra zur Frage machen, ob das eine gute Sache ist. Wir würden vermuten, dass Herr Schulze eher auf der Contra-Seite ist und so argumentiert, dass der Staat sich um Wohltätiges kümmern sollte und Herrn Plattner dann im Zweifelsfall höher besteuert werden sollte. Wir würden ihn gerne dafür gewinnen, das Contra für uns zu schreiben.“

Für schnell zu schreibende Texte bin ich nicht besonders geeignet. Was mich aber grämte war die Zuordnung – wenn auch nur als Vermutung. „Bin ich so einfach auszurechnen?“, fragte ich mich in gekränkter Eitelkeit. Vor allem aber wollte ich nicht den Gegenkasper spielen, der, wenn man ihm den Einsatz gibt, sein „contra“ singt. Ich lehnte ab. Die Redaktion blieb hartnäckig und bat den Verlag, mich zu überreden, man sei eben gerade an mir interessiert, die Argumente habe ich doch im Kopf, der Text sei nicht lang und ich wäre mit Foto in der Zeitung.

Ich blieb standhaft und der Verlag sagte erneut ab. Kaum war das getan, ärgerte ich mich über meine Standhaftigkeit. Hätte ich nicht wenigstens darum bitten können, das „pro“ übernehmen zu dürfen? Und hatte mich nicht Mitte Januar dieses Jahres der Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion Rainer Hank auf eben diesen Seiten in dem Artikel „Geld stinkt nicht“ zitiert und kritisch bedacht. Beim Lesen seines Artikels hatte ich anfangs geglaubt, hier schreibe einer eine Parodie, weil er all jene, die Kritik am heutigen „Ökonomismus“ übten, zu Romantikern machte, die die Vergangenheit antikapitalistisch verklärten. Sinngemäß ersetzte der Artikel die Aufforderung: „Dann geh doch in die Zone!“ durch: „Er will zurück in die DDR/bessere Vergangenheit“. Aber wie ich beim Weiterlesen merkte, war es Rainer Hank ernst damit. Gern hätte ich erwidert: Statt irgendwohin zurück zu wollen, wolle ich heute Geld verdienen. Doch müsse man ja nur den jüngsten Armuts-Reichtumsbericht der Bundesregierung lesen, um zu sehen, was in diesem Land schief laufe. Und das hindere immer mehr Menschen, genug Geld für ein würdiges Leben zu verdienen und anderswo in der Welt… Und nun hatte ich mir die Möglichkeit, darauf zu antworten, durch die Lappen gehen lassen!

Kleinlaut rief ich den Verlag an, ob ich nicht doch… Kurz darauf kam die Antwort: Ja, schreib!

Freitag früh 9.30 Uhr schickte ich 4.505 Zeichen an die Redaktion:

 

Es tut mir leid, selbst wenn es mich mein Honorar kostet – heute fällt das Contra aus. Vor dieser Geste verstummt jede Kritik. Was soll man denn anderes sagen als: Danke! Selbst wenn man es zwei Mal sagt oder drei Mal – was ist schon ein: Danke! angesichts dieser Atombombe des Guten!

So, mit diesen Sätzen wollte ich beginnen. Meine Begeisterung war ehrlich! Ich versuchte weiterzuschreiben, ich dachte weiter und – erschrak! Plötzlich war mir klar: Was für ein Wahnsinn! Was tut dieser Mann da? Sieht er nicht die Konsequenzen? „Eigentum verpflichtet.“ So steht es im Grundgesetz. Aber dort steht auch: „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Und deshalb sage ich es ganz deutlich: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht widerfahren können – uns als Allgemeinheit und uns als einzelnen, den Spender eingeschlossen.

Zunächst einmal: Sein Geld liegt ja nicht in Bündeln von 500-Euro Scheinen im Tresor, es ist angelegt, das Geld arbeitet! Er hat das Beste gemacht, was man mit Geld machen kann, er hat investiert. Gibt es einen größeren Dienst an der Allgemeinheit? Und selbst wenn ein Teil des Geldes in Fonds oder Finanzprodukten steckt - auch spekulieren bedeutet investieren! Die Welt ist gar nicht so schlecht eingerichtet, wie uns viele glauben machen wollen. Man muss sich nur an die Spielregeln halten. Aber genau das tut er nicht! Ganz gleich woher das Geld kommt, er entzieht es sinnvollen Anlagen! Wer denkt an die, die dadurch ihre Existenz verlieren? An die, deren Aktien einen Kurssturz erleben? Seine Verteidiger sagen jetzt: Solange es keine gerechteren Gesetze gibt, bleibt ihm ja nichts anderes übrig als zu spenden. Und andere heißen sein Handeln gut nach dem Motto: Besser er spendet, bevor jemand auf die Idee kommt, die Gesetze zu ändern. Worüber reden die da?!

Grundsätzlich gesprochen: So eine Spende demotiviert mich als Leistungsträger. Ich fühle mich da ganz persönlich betroffen. Erfolg drückt sich doch nicht erst seit heute in Geld aus. Selbst den Persönlichkeiten der Zeitgeschichte ist ihre Villa im Grunewald der eigentliche Maßstab ihres Erfolges. Wenn ich mich mit einer Milliarde genauso gut fühle wie mit drei Milliarden oder mit sechs Milliarden, was soll dann die ganze Schufterei? Ist nun auch der letzte verbliebene Maßstab passé? Wohlgemerkt: Es geht ums Prinzip! Es geht ums System!

Die persönliche Kränkung ließe sich verschmerzen. Nicht aber die Schlussfolgerung, dass ich ja dann gleich jeden Durchschnittsheini meiner Firma am Gewinn beteiligen kann. Und den Stundenlohn der Reinigungskräfte hebe ich auch noch um drei Euro an und stelle sie ein und packe ihnen eine Betriebsrente oben drauf – ich dachte, das hätten wir hinter uns! Wie soll ich denn höchste Effizienz und maximalen Einsatz in allen Bereichen bei Senkung der Personalkosten verlangen, um dann – „Ja, wofür denn?“ Damit ich Milliarden verschenke? Wer den persönlichen Gewinn nicht in Ehren hält, öffnet sozialistischen Methoden Tür und Tor! Für die Philosophie unserer Unternehmen wie für die Arbeitsmoral ist der Schaden noch gar nicht absehbar.

Die zielführende Anregung von Peter Sloterdijk, an die Stelle der Steuern Spenden zu setzen, hat Hasso Plattner gründlich missverstanden. Es ging doch gerade darum, der irrsinnigen Steuerlast in Deutschland ein maßvolles selbstbestimmtes System entgegenzusetzen.

Wissen Sie, was passieren wird? Man wird Hasso Plattner Selbstzweifel unterstellen, schlimmer: Ein schlechtes Gewissen. Denn die Spende erweckt den Verdacht, wir seien für das Elend der Welt verantwortlich. Und dieses Elend, darauf können Sie sich verlassen, wird jetzt aus allen Löchern kriechen und dort, wo es nicht von sich aus gekrochen kommt, werden es die Zeitungsschreiber hervorzerren. Sie werden die Rechnung aufmachen: Wie viele Menschen (die dreisteren sprechen gleich von „Kindern“) können mit diesem Geld vor dem Hungertod, vor dem Verdursten, vor Malaria, vor Aids, vor was weiß ich was gerettet werden. Und dann werden sie weiterfragen: Warum erst jetzt, und warum nur die Hälfte des Vermögens? Ist es nicht unmenschlich, ja kriminell, keine Hilfe zu leisten? Und sie werden erst Ruhe geben, bis er sagt: Ich habe nichts mehr! So wird es kommen, lieber Hasso Plattner. Doch wenn Sie partu spenden wollen: Dann zu niemandem ein Wort! Übernehmen Sie klammheimlich die Mehrkosten von Stuttgart 21 oder einen Teil davon. So käme das Geld lautlos aus der Welt und zurück in die Wirtschaft und störte nicht weiter. Bitte, überlegen Sie es sich noch einmal!

 

Den ganzen Tag über wartete ich wie immer, wenn ich einen Text abgegeben habe (und ohne es mir einzugestehen), auf eine enthusiastische Reaktion, eine Email oder besser noch auf einen Anruf. Gegen 16.00 Uhr rief dann tatsächlich die Redakteurin an. Ob ich meinen Artikel nicht umschreiben könne, so sei er sicherlich für viele Leser missverständlich. Ihr fiel es schwer, ihr Unbehagen zu artikulieren (das ist doch nicht ihre wirkliche Meinung!), mir fiel es schwer auszudrücken, warum ich es nur so und nicht anders hatte schreiben können (da steckt natürlich meine Meinung drin!). Wir vertagten uns.

Ich schrieb eine Email, denn die Veröffentlichung eines Artikels durchzusetzen ist ja Teil der Arbeit. „Es gibt wirklich keinen besseren Ort für diesen Text als Ihre Seiten. Es ist Kritik (oder contra) durch Affirmation. Das habe ich ja (leider) nicht erfunden. Meine Position kommt schon sehr deutlich heraus, aber eher dadurch, dass ich die Argumente der Gegenseite zuspitze. Das ist ja keine ironische Frage, ob ich mich mit einer Milliarde genauso gut fühle wie mit drei oder sechs Milliarden. Es ist doch absurd, dass einzelne so viel Geld anhäufen können. Die Geste/Tat von Plattner reißt doch etwas auf, über das hier nur sehr selten und wenn dann in marginalisierten Formaten gesprochen wird. Ihre Einladung war für mich (auf den zweiten Blick) so eine Chance.“ Und dann fügte ich hinzu – und kroch damit zu Kreuze oder glaubte, besonders listig zu sein: „Schon wenn Sie schreiben, dass ich Schriftsteller bin und dann noch den Untertitel von Unsere schönen neuen Kleider, zitieren, also: Gegen die marktkonforme Demokratie, für demokratiekonforme Märkte müsste schon ein Abstand signalisiert sein.“

Hier argumentierte ich gegen mich, hatte ich doch im Telefonat gesagt, ein zustimmender Leserbrief, der den Text eins zu eins nähme, wäre mir Gold wert.

Die Redakteurin schrieb zurück, sie glaube, dass für mich meine eigene Position schon zu selbstverständlich geworden sei, für ihre Leser sei diese relativ neu und fremd. Die müssten erst mal verstehen, wie ich denke, bevor sie darüber nachdenken könnten. Und das würden wir doch wollen, dass sie nachdenken, oder? Da brauche man es klar, fände sie. Und weiter: Es sei schade, dass das für mich so wenig reizvoll gewesen sei, auch wenn sie verstehe, dass das intellektuell vielleicht nicht so reizvoll sei wie die Übertreibung der Gegenthese.

Spätestens jetzt merkte ich, dass ich schlecht argumentiert hatte. Das heißt, ich konnte eigentlich nur schlecht argumentieren, so lange ich die Voraussetzungen akzeptierte, den Rahmen dieses „pro & contra“. Denn das eigentliche Problem ist grundsätzlicher: Der ganze Effektivitätswahn wie der technologische Fortschritt dient eben nicht der ganzen Menschheit, nicht mal der ganzen Bevölkerung dieses Landes, sondern er macht einzelne unvorstellbar reich, während sieben Millionen Menschen von ihrem „fulltime job“ nicht mehr leben können, von den Arbeitslosen ganz zu schweigen. Die Selbstverständlichkeiten dieses Systems sind absurd. Hätte ich das so schreiben sollen? Mir schien es besser, das vorzuführen.

Ich fragte die Redakteurin: „Ist das jetzt eine Absage? Oder eine Überlegung.“ Die Antwort: „Wir überlegen noch…“

Am Sonnabend kam dann die Absage. An dem ehrlichen Bedauern und an der Aufrichtigkeit und Lauterkeit dieser Entscheidung habe ich keine Zweifel. Die Redakteurin schrieb, mein Text sei schlicht und einfach für ihre Leser zu kompliziert, ich hole sie nicht da ab, wo sie stehen. Diese Ansicht teile ich nicht. Und dieses „abholen“ ist mir als Gedanke mehr als suspekt, selbst wenn ich alle weiteren Konnotationen dieses bedrohlichen Wortes vergesse. Aber vielleicht hat die Redakteurin trotzdem Recht. Vielleicht hat sie wirklich Recht und ich hätte ganz anders schreiben sollen, ruhig und sachlich und mit Zahlen und Fakten und mir das Herz aufreißen – eindeutig. Ich bin überzeugt, dass ich in dem Artikel hätte alles aussprechen können, was ich gewollt hätte. Ein nicht zu unterschätzendes Privileg! Dafür gibt es ja dieses Format. Innerhalb des Formats ist (fast) alles möglich. So sind die Spielregeln. Aber was ist es nur, das sich in mir dagegen derart sträubt?