Meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

Es ist immer peinlich, wenn Schriftsteller ungefragt über Ihre Probleme beim Schreiben sprechen, aber ich muß Ihnen gestehen, Terminarbeiten waren noch nie meine Sache. Sie hätten sicherlich nicht von mir verlangt, in ein paar Wochen zum Brecht-Kenner oder Brecht-Experten zu werden, und wahrscheinlich hätte ich auch eine Dankesrede auf den letzten Drücker irgendwie zusammengeschustert. Der Wunsch und der Wille jedenfalls waren vorhanden. Dann aber geschah etwas Unvermutetes und Merkwürdiges. Dr. Erdmut Wizisla, der Leiter des Brecht-Benjamin-Archivs der Akademie der Künste in Berlin, den ich um ein paar Hinweise zum Verhältnis zwischen Brecht und Döblin gebeten hatte, gewährte mir großzügig Einsicht in ein Konvolut unveröffentlichter an Brecht gerichteter Briefe – die meisten von ihnen von jungen Schriftstellerkollegen, deren Namen mir nichts sagten –, die erst im September letzten Jahres von der Nichte des ehemaligen sowjetischen Botschafters Pjotr Abrassimow dem Archiv übergeben worden waren. In der Mai/Juni-Ausgabe von Sinn und Form wird der Großteil dieser Briefe kommentiert abgedruckt werden. Ich begann zu lesen und las weiter und war am Ende völlig demotiviert, selbst noch etwas schreiben zu wollen. Diese Briefe waren so brechtbegeistert, wie es mir nie in meinem Leben widerfahren war. Denn es gibt vieles, was ich Brecht nicht verzeihe. Aber ich dachte, diese Briefe wären ungleich passender für Augsburg als meine distanzierten Betrachtungen. Ich bat also, einen dieser – wie ich finde – letztlich doch recht interessanten Kollegenbriefe heute hier in Augsburg vorlesen zu dürfen. Das wurde mir freundlicher Weise gestattet, unter der Maßgabe allerdings, Diskretion zu wahren und keine Namen preiszugeben, da die Verhandlungen über die Rechte noch nicht abgeschlossen seien. Da der Name des betreffenden Kollegen, dessen Brief ich erbeten hatte, mir wie gesagt nichts sagte und Ihnen wahrscheinlich auch nichts gesagt hätte, hatte ich damit keine Probleme. Überflüssiger Weise sei noch hinzugefügt, dass die hier geäußerten Ansichten und Meinungen natürlich die Ansichten und Meinungen des Briefschreibers sind, nicht die meinigen, auch wenn ich sie hier und da für anregend und bedenkenswert halte, sonst würde ich sie ja auch nicht vorlesen. Hier also der Brief, dessen Anfang etwas dunkel bleibt:

 

Sehr verehrter Herr Brecht,

da es eigentlich gleichgültig ist, an welchem Tag man sich für Empfangenes bedankt, kann es ganz gut auch Ihr Geburtstag sein, einer Ihrer Geburtstage. Dennoch – und dessen bin ich mir wohl bewusst – bleibt es eine Vermessenheit, Ihnen zu schreiben. Mir fehlte bislang sowohl die Courage dafür, wie auch der Anlass dazu, wenn mich nicht eine andere, noch größere Vermessenheit dazu nötigte. Sie wissen, worauf ich anspiele. Ich muss Ihnen nicht weiter darlegen, in welchen Schatten man dabei gerät, selbst wenn noch so viele Scheinwerfer auf einen gerichtet sind. Die mir dafür allerdings gebotene Geldsumme steuerfrei direkt aufs Konto – was soll ich sagen? Wenn jemand dafür Verständnis hat, dann sicher Sie. Und wenn schon vermessen, dann richtig!

 

Gestatten Sie mir also, dass ich an Ihrem Geburtstag, den Gepflogenheiten treu bleibend, von mir rede.

Mir wurde es nicht leicht gemacht, Sie lesen zu wollen. Denn in dem Land, aus dem ich komme und das es nicht mehr gibt, kannte Sie jeder, zumindest vom Hören und Sagen. Straßen, Kindergärten, Schulen und Bibliotheken trugen Ihren Namen, Ihre Gedichte, die im Lesebuch standen, wurden von Jungen Pionieren zum Schuljahresanfang und am Kindertag rezitiert. Sie, so hieß es, seien ein Freund der Kinder und ein Freund unserer jungen Republik. Da verwundert es Sie ganz sicher nicht, dass ich als Schüler der neunten Klasse keine Lust hatte, freiwillig an einer Feierstunde zu Ihrem 80. Geburtstag teilzunehmen. Und das ging nicht nur mir so. Unser Klassenlehrer hatte Schwierigkeiten, das von uns zu stellende Kontingent zur Feier Ihres Geburtstages zusammenzubekommen. Da er keine Argumente hatte, drohte er: „Hat denn jemand etwas gegen den Dichter und (Pause – und dann sehr betont:) Kommunisten (Pause) Bert Brecht?“ Ich weiß nicht mehr wie, aber ich schaffte es, mich Ihrer Feierstunde zu entziehen.

Wahrscheinlich würde ich mich nicht mehr daran erinnern, wenn ich nicht ein paar Tage später in derselben Schule vor einer Vitrine stehen geblieben wäre, in der eine Fotografie von Ihnen zu sehen war, jene mit der Zigarre in der Hand, den Daumen unter oder an der Unterlippe, lächelnd. Lächelten Sie wirklich oder wäre es besser, von einer freundlich distanzierten Aufmerksamkeit zu sprechen? Unter der Fotografie lag aufgeschlagen ein Buch mit Gedichten von Ihnen, relativ kurze Gedichte, nicht so lang wie Ihre Fragen eines lesenden Arbeiters oder das von den Teppichwebern von Kujan Bulak, die wir auswendig zu lernen hatten. Wahrscheinlich las ich auch nur, weil die Gedichte so kurz waren. Das eine trug den Titel Die Lösung. Es gibt nicht so viele Augenblicke, in denen sich die Redewendung „Ich traute meinen Augen nicht“ im Wortsinn bewahrheitet. Ich starrte auf die Zeilen und traute meinen Augen nicht. Da war vom Aufstand die Rede (und nicht von „Konterrevolution“), es gab auch keinen Zweifel, dass es um jenen 17. Juni 1953 ging, über den ich kaum etwas wusste, nur, dass es besser war, nicht daran zu rühren, jedenfalls nicht in der Schule. Die Zeilen: daß das Volk / Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, war ja genau das, was wir täglich zu hören bekamen: Wer das Abitur machen wolle, genieße eine besondere Förderung durch die Arbeiter und Bauern und müsse deshalb auch zu besonderen Gegenleistungen bereit sein – dazu wäre ich ja bereit gewesen, aber das hieß: Offizier zu werden oder mindestens drei Jahre zur Armee zu gehen. Und das wollte ich nicht. Als ich die Schlussverse las, glaubte ich, die Schule müsse einstürzen: Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes? Es gab keinen Zweifel, Sie meinten tatsächlich diese Regierung, die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik. Was gab es denn noch mehr zu sagen als das? Einen besseren Vorschlag als Ihren gab es nicht!

Aber selbst wenn das Gedicht wirklich von Ihnen sein sollte, wie konnte es dann passieren, dass es in der DDR veröffentlicht und damit quasi offiziell anerkannt worden war? Und wie kam dieses Buch in die Vitrine neben dem Lehrerzimmer, aufgeschlagen an dieser Stelle?! Wer hatte das versucht, gewagt, und wer hatte das zugelassen und genehmigt?

Am nächsten Tag lag das Buch immer noch da, und am übernächsten auch, bis zu den Winterferien. Ich schrieb mir das Gedicht ab und war glücklich, als hätte ich das Goldene Vlies geraubt. Fortan nannte auch ich Sie einen Kommunisten. Und das hat ein Kommunist geschrieben!

Im Herbst 1989 dann, als die Regierung ihr Volk einfach nicht auflösen wollte, löste das Volk, unter dem ausdrücklichen Hinweis, dass es das Volk sei, die Regierung auf. Wie Sie sehen, es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, aber Ihr Vorschlag war gehört und verstanden worden.

Ich erzähle Ihnen diese alte Kamelle nicht ungern, aber auch nicht ganz freiwillig. Heute ist es doch besser, man signalisiert möglichst schnell, dass man schon von früher Jugend an ein kritisches Verhältnis zu jenem Land hatte, das es nicht mehr gibt, und das man deshalb auch immer mit dem Epitheton „ehemalig“ versehen muss, als könnte es sonst zu Verwechslungen kommen. Andererseits besteht kein Grund, sich Illusionen zu machen. Auch Geschichten wie diese bewahren einen nicht davor, als einer bezeichnet zu werden, der am liebsten dorthin zurück wolle. Sie müssen heute nur Kritik am Heute üben und dürfen sich dann sicher sein: Bevor sie bis drei gezählt haben, schlägt ganz in der Nähe ein Pawlowscher Hund an und verbellt Sie: Der will zurück in das ehemalige Land, das es nicht mehr gibt! Verzeihen Sie diese Abschweifung.

Das Volk, das sich über die Maßen schnell vor der eigenen Courage zu gruseln begann, nannte sich aus lauter Unsicherheit dann doch lieber etwas unbestimmt nur noch ein Volk und übergab den Beamten des anderen ein Volk die eben erst errungene Macht. Dazu gab es auch gar keine Alternative, sagten die Beamten. Denn wer es in vierzig Jahren nicht gelernt hat, richtige Autos und Straßen zu bauen, sollte doch bitte nicht glauben, jetzt plötzlich selbstständig regieren zu können. Ein Volk bejahte das.

Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich als Ostdeutscher nun dem Geltungsbereich Ihres Werkes beitrat, oder sagen wir, dem Geltungsbereich des Großteils Ihres Werkes. Wir lernten also endlich in fortentwickelter Form jene Welt aus eigener Anschauung kennen, die den Bezugspunkt für die meisten Ihrer Werke abgab. Erst jetzt wurden Sie für unsereinen richtig interessant, ja geradezu aktuell. Hätte man meinen können.

Und damit wären wir bei der Literatur. Und schon stimmt das Gesagte nicht mehr so ohne weiteres.

Es ist ja ein Kennzeichen dieser finsteren Zeit, dass es in der Tat eine Anstrengung erfordert, von Literatur zu reden. Beinahe nur noch die Schreibenden selber wissen vom Schreiben, und sie wissen wenig voneinander und von der wirklichen Bedeutung des Geschriebenen, sei es von andern geschrieben oder von ihnen selbst. Ich begnüge mich also in dieser Zeit damit, festzustellen, was das eigene Schreiben durch das eines andern oder einiger anderer und durch die eigene Erfahrung gewinnen kann.

Als mein erstes Buch erschien, war ich schon fast dreiunddreißig Jahre, in einem Alter also, in dem Sie längst zu den Berühmtheiten zählten und über Emigration nachdenken mussten. Natürlich können Sie sagen: hätten Sie mehr von mir gelesen, hätten Sie mich gründlicher gelesen, wären Sie schneller zur Sache gekommen. Ja, womöglich. Als Schüler, Student und Dramaturg suchte ich vergeblich nach meiner eigenen unverwechselbaren Stimme, die sich nicht einstellen wollte. Als dann die fälschlicherweise mit dem Wort „Wende“ bezeichneten Ereignisse mich zum journalistischen Schreiben brachten und ich bald darauf nolens volens die Revolutionsdividende als Anzeigenblattverleger einstreichen wollte, verlor sich die Suche nach einer unverwechselbaren Stimme in dem Maße, wie mich der ökonomische Überlebenskampf beanspruchte. So wie ich damals all jene verachtete, die sich – im Gegensatz zu mir – sicher sein konnten, am Monatsende ihr Gehalt auf dem Konto zu finden, verachtete ich die Literatur. Sie erschien mir läppisch, ignorierte sie doch meine Nöte als Geschäftsmann. Dies am Desinteresse an der literarischen Gestaltung ökonomischer und politischer Prozesse dingfest machen zu wollen, wäre zu wenig. Als Leser kam ich mir zunehmend vor wie ein Seemann, den man vom Ptolemäischen Weltbild überzeugen wollte. Ich rächte mich an der Literatur und führte für mich eine Art Lakmustest ein: Je leichter sich etwas parodieren ließ, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass es nichts taugte. Oft war es gerade die ausgestellte Ironie oder Selbstironie der Autoren, die ich unangebracht, feige und verschmockt fand. Etwas auf Parodieresistenz zu prüfen war der Versuch, herauszufinden, inwieweit ein Text der Vergegenwärtigung standhält, der zeitlichen und räumlichen Vergegenwärtigung unserer Welt. Das Urteil darüber – das war ich gern bereit zuzugeben – hing vor allem von den eigenen Erfahrungen ab. Und meine waren nun mal die des autodidaktischen Geschäftsmannes auf der untersten Ebene.

Ein Buch, das allem standhielt und das ich als befreiend bejubelte, war Alfred Döblins Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine. Es war mir zufällig antiquarisch in die Hände gefallen, sogar als Erstausgabe. Ich weiß, sehr verehrter Herr Brecht, Sie schätzen es auch. Davon ein andermal. Hier wusste einer, wie mir zumute war. Da kämpfte einer um seine ökonomische Existenz und die seiner Familie. Da gab es keine Mitbewerber, sondern nur Konkurrenten, die einem an die Gurgel wollten, so wie ich ihnen an die Gurgel wollte. Über den Sieg würden nicht unsere Muskeln entscheiden, sondern das Geld, das wir in der Lage wären aufzutreiben und die Wahl, welche Technik, welche Maschinen wir damit erwerben würden – um dem anderen den Garaus zu machen.

Eine weitere Sensation waren die Bücher des sowjetisch-russischen Autors Vladimir Sorokin. Seine Erzählungen, Romane und Stücke wurden mit einiger Verzögerung Katalysatoren und Geburtshelfer meines Schreibens.

Sorokins Texte parierten nicht nur meine Parodieangriffe souverän, sie schlugen meine bisherigen Leseerfahrungen k. o. Hier erlebte ich, wie verschiedene Erzählstile als Mittel verwendet werden. Die Konfrontation verschiedener Stile relativiert nicht nur die jeweils verkündeten, in ihrem Anspruch absoluten Wahrheiten; sie legt auch die Verwandtschaft ihrer Mythen offen. Sorokin lockt die Leser mit einem Stil à la Turgenjew oder dem des sozialistischen Realismus an, um ihnen dann den Boden unter den Füßen zu entziehen. Keinem anderen Autor ist es so eindringlich gelungen, die materielle Realität und Allgegenwart der offiziellen Sprache sichtbar zu machen. In seinem Roman Marinas dreißigste Liebe, in dem er im Stile Balzacs ein Kurtisanenleben im Moskau der spätsowjetischen Zeit schildert und wie nebenbei ein Panorama der damaligen Bohème und Dissidenz liefert, verschwindet die Protagonistin, nachdem sie sich in die Arme ihrer dreißigsten Liebe, in die Arme eines Parteisekretärs geworfen hat, als Figur in der offiziellen Sprache. Sie löst sich leibhaftig und buchstäblich in widerliche TASS-Meldungen auf. Sorokin zu parodieren gelänge nur um den Preis, selbst eine ziemlich gute Geschichte mit jenen Brechungen zu schreiben – womit die Parodie ad absurdum geführt wäre.

 

Als ich Ende 1992 als Geschäftsmann nach St. Petersburg ging, um dort ein Anzeigenblatt zu gründen, explodierten die Lebensverhältnisse unter dem Zugriff eines Kapitalismus, der auf einer alles durchdringenden Korruption, Prostitution und vor allem auf dem Recht des Stärkeren beruhte. Die Vergangenheit wurde in die Gegenwart gesaugt. Plötzlich war nicht nur alles gleichzeitig präsent, sondern auch gleichwertig: Die Zarenherrschaft der Zeit Puschkins und der Dostojewskis, das Laboratorium der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Petrograd der Oktoberrevolution, das stalinistische Leningrad und dessen deutsche Blockade, die Zeit von Chrustschow und Breschnew, die Zeit Gorbatschows und das alles verschlingende Jetzt. Ging man über den Newski, drängten sich die Anhänger des Zaren neben denen Lenins oder Stalins, und auch jene der Oligarchen waren dabei, selbstverständlich die Nationalisten und auch einige Demokraten. Und niemand konnte sagen, wer das Rennen machen würde. Nichts war überlebt, nichts modern. Kehrte ein Zar zurück? Oder putschten die Stalinisten erneut? War die Orthodoxie nicht so diskreditiert, dass sie verboten werden müsste? Wurde jetzt alles Privatbesitz?

Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich zu diesem Zeitpunkt zu schreiben begann. Ein Grund war, um mich selbst zurechtzufinden. Aber wahrscheinlich schrieb ich, weil es mir jetzt plötzlich möglich war. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, über diesen in jeder Beziehung disparaten Ort mit einer Stimme zu sprechen. Ich zog heran, was ich fand, nutzte die verschiedenen Stile, die sich mir anboten. Statt danach zu streben, die Sonne sein zu wollen, wurde ich zum Sputnik. Nicht ein Autor sollte dieses Buch schreiben, sondern dreiunddreißig. Heute noch mehr als damals kann ich mir das eigene Schreiben nicht ungebrochen, nicht ohne das bewusste Vorweisen der eigenen Relativität, der mitgelieferten Distanz, denken.

In den Besprechungen des Buches wurde immer wieder kritisch angemerkt, der junge Autor habe noch nicht seinen Stil gefunden. Ich jubelte. Nie soll er ihn finden!

Und damit wären wir wieder bei Alfred Döblin. „Von Döblin“, so schreiben Sie zu dessen 65. Geburtstag, „habe ich mehr als von jemand anderm über das Wesen des Epischen erfahren.“

In Döblin – wenn schon vermessen, dann richtig – treffen wir uns. Denn über das hinaus, was Sie ihm zugute halten, ist es vor allem sein Umgang mit dem Stil. In Döblins Romanen wie in seinen theoretischen Schriften fand ich die Bestätigungen und Erklärungen für mein eigenes Schreiben. In dem Aufsatz „Epilog“ von 1948 heißt es: „Zudem hatte jedes Buch seinen Stil, der nicht von außen über die Sache geworfen wurde. Ich hatte keinen ‚eigenen’ Stil, den ich ein für allemal fertig als meinen (‚Der Stil ist der Mensch’) mit mir herumtrug, sondern ich ließ den Stil aus dem Stoff kommen.“ Döblin ließ sich nicht auf den Berlin Alexanderplatz festlegen, sondern entwickelte den Stil jedes Buches immer neu, so dass sich ein Buch am anderen relativiert, ja episiert würde ich sagen. Und ist das nicht auch Ihre Auffassung von Stil? DAS EINZIGE, WAS HERR KEUNER ÜBER DEN STIL SAGTE, ist: »Er sollte zitierbar sein. Ein Zitat ist unpersönlich. Was sind die besten Söhne? Jene, welche den Vater vergessen machen!«

Und da wir schon beim Keuner sind: Was hat der Keuner stilistisch mit den Flüchtlingsgesprächen und diese mit den Geschäften des Herrn Julius Cäsar zu tun? Und entstehen nicht auch Ihre Stücke und Ihre Gedichte jedes Mal von Grund auf neu?

Bei Ihnen wie bei Döblin – es ließen sich noch andere Autoren finden, aber bei jedem liegt der Fall ja doch etwas anders – würde ich für Episierung als den ständigen Wechsel von Nähe und Distanz beschreiben, von hineingezogen werden und wieder herausgestoßen werden, so dass man einerseits gebannt ist, und wissen will, wie es weiter geht, aber der Nachvollzug kritisch geschieht, sozusagen in einem ausgeschlafenen Zustand.

Am sichersten erkennt man eine gelungene Episierung, eine gelungene Verfremdung daran, dass man gebannt ist, aber nicht erpresst wird, betroffen, ohne hilflos zu sein, nachvollziehen und verstehen kann, ohne die eigenen Erfahrungen verleugnen oder als minderwertig klassifizieren zu müssen. Ja eigentlich daran, dass man ermutigt wird, nun selbst zu erzählen, dass die eigene Erinnerung zu sprechen beginnt und Erlebnisse wach werden, die sich jetzt, nach der Lektüre, in einem anderen Licht darstellen.

 

Ich schreibe Ihnen darüber so ausführlich, weil es mich zu einer Überlegung, zu einer Frage führt: Die Machart eines Romans oder eines Stückes oder eines Gedichts hat ihre Entsprechung in der Haltung des Autors zur Welt. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, ließe sich die These wagen: Sehe ich als Leser schon allein durch die Art und Weise, wie einer sein Buch und seine Bücher schreibt, auf die Welt als eine gemachte oder eine gegebene? Das bedeutet ja mehr als literarische Technik, auch wenn ich weiß, dass Sie selbst – und ich finde das wohltuend – technisch beurteilt werden wollten und selbst technisch urteilten. Um nicht missverständlich zu sein, darf ich an die Keuner-Geschichte Form und Stoff erinnern, in der Keuner berichtet, wie ihn ein Gärtner beauftragte, einen Lorbeerbaum zur Kugel zu schneiden. Das gelingt Keuner lange nicht. Schließlich aber schafft er es. Der Gärtner jedoch kommentiert enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“ Nachdem nun klar ist, dass sich Kugel und Lorbeer nicht voneinander trennen lassen, wage ich die Frage: Gibt es nicht eine Analogie zwischen der Offenlegung und Nicht-Offenlegung der Machart von Texten, kurz gesagt der Verfremdung/Nichtverfremdung, der Episierung/Nichtepisierung von Literatur und den offengelegten und vor allem nicht offengelegten, sondern verborgenen Ideologien, die in unsere Computer und Maschinen, in unsere öffentlichen Strukturen und Formate eingespeist werden?

Ich kann nicht, wie geschehen, die Börsianer reglementieren wollen, wenn ich die Algorithmen ihrer Computer unangetastet lasse. Kann man das Anschalten eines Computers verbieten? Das Vorsätzliche liegt doch in der Art und Weise, wie diese Computer programmiert werden und darin, dass man diese Programmierung akzeptiert.

Ein Pendant dazu finden Sie in der Strukturierung der Medien. Wie Information und Aufklärung all abendlich unterlaufen und in ihr Gegenteil verkehrt werden, lässt sich an der meistgesehenen Nachrichtensendung in Deutschland verfolgen. Vor die Tagesschau hat Gott die Börsennachrichten gesetzt. Deren Moderatoren sind die besten. Sie machen aus Nichts eine Geschichte. Sie können aber auch den Ton abstellen und sich ganz auf die vertrauenerweckende pyramidale Erscheinung des Moderators oder der Moderatorin konzentrieren, die Ihnen das Gewusel im Hintergrund allein durch ihre innere Stimmung, die sich differenziert in ihrem Mienenspiel ausdrückt, mitteilt und damit kongenial die Kursentwicklung wiedergibt. Der eigentliche Skandal dabei ist nicht, dass steigende Kurse als gut und fallende Kurse als schlecht dargestellt werden – man könnte ja auch fragen: gut für wen?, schlecht für wen?, ganz zu schweigen von der Frage nach den Konsequenzen –, sondern dass durch diese Plazierung der Börsennachrichten suggeriert wird, das Weltgeschehen und damit auch mein eigenes Leben findet zwischen zwei Urgewalten statt: der Börse und dem Wetter. Beides wird mit derselben Haltung besprochen: Wir müssen unser Handeln danach ausrichten! Was hier der Regenschirm oder die Sonnencreme ist, bedeutet dort der Tarifabschluss oder der Zinssatz. Der Unterschied besteht darin: beim Wetter dämmert uns allmählich, dass wir es beeinflussen können. Dass es Aufgabe der Politik wäre, die Spielregeln für die Börsen zu ändern und deren Berechtigung zu befragen, ist dagegen tabu. Die Politik will für alle nur das Beste, und so tritt sie weiter in der Rolle der Heiligen Johanna der Schlachthöfe auf und singt ihre Lieder.

Lassen Sie mich, sehr verehrter Herr Brecht, als selbstbewusster Leser sprechen: Ich brauche eine Literatur, die nicht nur scharfsichtig in jeder Beziehung ist, sondern die durch ihre ganze Machart einen Gegenentwurf darstellt. Ich halte das, was Sie Verfremdung und Episierung nennen und was ich in verschiedenen Ausprägungen und Entfaltungen nicht nur bei Autoren wie Döblin oder Sorokin, sondern auch bei Kertész und Esterhazy und etlichen anderen finde, für eine notwendige Schulung der Wahrnehmung, eine Schulung der Verantwortung. Wir müssen das Selbstverständliche und Bekannte als das Fremde und Unbekannte zeigen. Die

Literatur muss auf Schritt und Tritt staunen und nichts als Gegeben hinnehmen. Das wäre die Voraussetzung, um jene zu attackieren, die die Welt nach ihren Interessen und Bedürfnissen einrichten, um sie dann als gegeben und unveränderlich hinzustellen. Und es geht darum, den eigenen Anspruch auch als einen gesellschaftlichen Anspruch zu formulieren: Wann sag ich wieder ich und meine wir? Andernfalls arbeiten die Maschinen gegen uns.

 

Dass sich mit dem Ende des Stalinismus auch der Sozialismus erledigt haben soll, ist die Botschaft, die aus dem Mauerfall gemacht wurde. Auch wenn der Ostblock keine Alternative darstellte, so wurde zumindest solange es Ost und West gab über eine Alternative nachgedacht. Das Aufbegehren im Herbst 1989 hätte der Beginn einer Alternative sein können, aber bald wurde klar: Wer über den Status quo hinaus wollte, dem fehlte schnell ein Format in der Öffentlichkeit.

Sie haben einen Blick in die Zukunft tun können, als Sie ins Exil nach Hollywood gingen. Dort erfuhren Sie, was „öffentliche Einsamkeit“ bedeutet. Bedeutsamer als die geheimdienstliche Beschattung war die Tatsache, dass für Ihr Theater überhaupt kein „Format“ existierte, um es zu erproben. Sie wollten entlarven, aber man verstand gar nicht, was sie wollten. Denn wie prangert man an, was als selbstverständlich gilt.

Heute erklären wir Sie für historisch. Würden wir es andernfalls überhaupt wagen, ein nach Ihnen benanntes Festival zu veranstalten? Wer Sie ernst nähme, müsste doch um den Status quo nicht nur in Augsburg fürchten.

Lassen Sie es sich aber bitte zu Ihrem Geburtstag sagen: Nicht Sie, Bertolt Brecht, sind historisch geworden – unsere Gegenwart scheint es zu sein, und wir mit ihr. Denn wir verhalten uns so ruhig und still, als hätten wir das Gerede vom Ende der Geschichte tatsächlich akzeptiert.

 

Vor einigen Tagen korrigierte ich mit meiner achtjährigen Tochter deren Mathematikarbeit. Sie hatte eine drei geschrieben. Für die Zusatzaufgabe, deren Lösung ihr vielleicht die Note zwei eingebracht hätte, hatte sie null Punkte bekommen. Die Aufgabe lautete: „Marie macht eine Fahrradtour. Am Vormittag fährt sie 8 Kilometer, am Nachmittag doppelt so viel.“

Die Kinder sollten nun: a) selbständig die Frage formulieren, b) den Lösungsweg zeigen und c) das Ergebnis ausrechnen. Unter b) schrieb sie: acht plus sechzehn, unter c) vierundzwanzig, a), ihre Frage allerdings lautete: „Wie lang hält sie durch?“

Ich versuchte ihr zu erklären, warum sie grundsätzlich die richtige Frage gestellt habe, als mich ihre zwei Jahre ältere Schwester mit dem Hinweis unterbrach, das sei doch Mathematikunterricht und im Mathematikunterricht sei das eben falsch. Wie könne ich denn behaupten, das sei richtig?! Die jüngere war verwirrt und eingeschüchtert. Wir hatten eine lange Diskussion. Und ich weiß nicht, ob ich dabei so überzeugend war, dass ich ihre Einschüchterung nicht nur oberflächlich vertreiben konnte. Aber wäre das überhaupt wünschenswert? Vielleicht doch lieber eingeschüchtert als null Punkte?!

Ich erzähle Ihnen diese Episode, weil wir eigentlich nur noch Mathematik betreiben. Und das für selbstverständlich und damit unideologisch gilt. Man muss auch gar nichts mehr entlarven, die Dinge werden in aller Öffentlichkeit verkündet. Schon im Jahr 2000 sprach Rolf E. Breuer in der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Kriegserklärung aus, die bis heute Gültigkeit hat: „Politik muss (...) heute mehr denn je mit Blick auf die Finanzmärkte formuliert werden. (...) Offene Finanzmärkte erinnern die Politiker allerdings etwas häufiger und bisweilen etwas deutlicher an diese Zielsetzungen, als die Wähler dies vermögen. Wenn man so will, haben die Finanzmärkte quasi als ‚fünfte Gewalt‘ neben den Medien eine wichtige Wächterrolle übernommen. Wenn die Politik im 21. Jahrhundert in diesem Sinn im Schlepptau der Finanzmärkte stünde, wäre dies vielleicht so schlecht nicht.“

Und Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, also ein Vertreter unseres Gemeinwesens, sagte auf einem Wirtschaftsforum im Juni 2012: „Für den Fall, dass sich ein Land nicht an die Haushaltsregeln hält, ginge nationale Souveränität automatisch in dem Ausmaß auf die europäische Ebene über, dass dadurch die Einhaltung der Ziele gewährleistet werden kann. (…) Denkbar wäre zum Beispiel das Recht, Steuererhöhungen oder proportionale Ausgabenkürzungen vornehmen – und nicht bloß verlangen – zu können. (…) In einem solchen Rahmen könnten Konsolidierungspfade durch die europäische Ebene sichergestellt werden, auch wenn sich hierfür keine Mehrheiten in dem jeweiligen nationalen Parlamenten finden sollten.“

Sie zucken wahrscheinlich zusammen, lieber Herr Brecht, aber die Mehrheit stößt sich daran nicht. Solche Töne sind mehr als nur salonfähig, das ist de facto offizielles Regierungsprogramm, eben genau das, was die Kanzlerin der Deutschen, die zugleich den Titel der beliebtesten Politikerin des Landes führt, unter „marktkonformer Demokratie“ versteht. Warum überhaupt noch Demokratie? Warum überhaupt noch Wahlen? Warum soll ich denn zur Wahl gehen, wenn dann, wenn es hart auf hart kommt, die gewählten Vertreter nichts mehr zu sagen haben und die Kommissare übernehmen. Wem aber sind diese Kommissare überhaupt rechenschaftspflichtig? Ganz gewiss nicht dem Parlament in Straßburg, und auch nicht ihren Regierungen, die sie entsandt haben, denn deren Geschäft sollen sie ja jetzt übernehmen. Wem also dann? Niemandem? Oder vielleicht doch den Finanzmärkten, der fünften Gewalt? Sollte nicht mit Blick auf die Finanzmärkte Politik gemacht werden? Also, ab ins Schlepptau!

Vom Standpunkt eines Mathematiklehrers hat Herr Dr. Weidmann sicher eine gute Note verdient. Die richtige Frage aber muss doch heißen: Wie lange halten wir noch durch? Oder: Wie lange halten wir noch still? Oder: Wäre es da nicht doch einfacher, die EU-Kommission löste die Völker auf und wählte andere?

Sie lächeln nicht, sehr verehrter Herr Brecht, zu Recht. Denn wenn ich weiter variierte und etwas genauer sagte: „Wäre es da nicht doch besser, Herr Dr. Weidmann löste die Parlamente auf und wählte andere“, wiederhole ich ja tatsächlich nur, was er, ein Vertreter unseres Gemeinwesens, bereits gesagt und gefordert hat. Deshalb sollte es besser heißen: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Logik einer Bank?

Sehr verehrter Herr Brecht, es ist höchste Zeit, dass ich zum Schluss komme. Lassen Sie sich sagen: Sie fehlen uns. Aber das liegt nicht an Ihnen, sondern an uns. Sie haben Ihr Teil getan, und mehr als das. Es kommt aber darauf an, Sie und uns selbst wieder ernst zu nehmen und Ihre Texte zu nutzen. Welche Texte sollten geeigneter sein für unser Hier und Jetzt? Unter diesem Aspekt ist ein Festival Ihnen zu Ehren nicht die schlechteste Idee.

Im Rückgriff auf mein wahrscheinlich erstes mit Bewusstsein gelesenes Gedicht von Ihnen, wollte ich leicht abgewandelt enden: So nützten sie sich, indem sie ihn ehrten, und / Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn / Also verstanden. Mit ihn sind in meinem Fall Sie gemeint, aber da an diesem Abend vor allem ich den Nutzen habe und das angesichts der Augsburger Euros gar zu simpel verstanden werden könnte, schließe ich meinen Brief mit den Worten: Ich halte Ihre Werke für eine Fundgrube des Genusses und der Belehrung und hoffe, dass meine eigenen Arbeiten Funde daraus enthalten. Ich glaube, ich kann mich in keiner würdigeren Form als der des Exploiteurs bei Ihnen einstellen.

Mit den allerherzlichsten Grüßen in der trübsten Zeit

Ihr Ihnen sehr ergebener

 

Dieser, wie ich doch einräumen muss, recht merkwürdige und mir in Teilen auch unbegreifliche Brief, hat kein PS. Aber ich, als Preisträger Nummer sieben, danke Ihnen für Ihre große Geduld und Ihre freundliche Aufmerksamkeit.