Damals in der Provinz

Wir waren von der Autobahn abgefahren, näherten uns auf Landstraßen von Norden her Berlin und suchten nach einem Lokal fürs Mittagessen. Ich hielt mich an die Verkehrsordnung und genoss die Landschaft mit ihren Alleebäumen, Buchenwäldern, Seen und abgeernteten Feldern. Fast zehn Jahre war ich nicht mehr hier gewesen und voller Erwartung, ohne zu wissen, worauf, nahezu heiter aus unerklärlicher Vorfreude – bis meine Beifahrerin am Ortsschild von S. sagte: »Früher waren solche Städtchen viel interessanter. Da hast du immer was gefunden.«
»Was gefunden?«
»Na, Bücher.«
Plötzlich war ich im selben Maß ernüchtert, wie ich eben noch voller Aufregung gewesen war.
Etwas Ähnliches hatte ich ein paar Monate zuvor erlebt. Auf dem Weg zu Freunden, deren Wohnung mir während des Studiums ein zweites Zuhause gewesen war, sah ich beim Näherkommen, dass im Erdgeschoss die Scheiben kaputt waren, Unkraut überwucherte den Weg zur verschlossenen Haustür … Sie waren längst umgezogen, ich hatte sie sogar schon in ihrer neuen Wohnung besucht. Trotzdem sah ich sie in meiner Vorstellung noch immer in den alten Räumen.
In der DDR waren die Buchläden in den Kleinstädten und größeren Dörfern die eigentlichen Schatzkisten – je kleiner das Nest, desto besser. Oft genügte schon ein Schreibwarenladen, um Auto- oder Fahrradfahrten zu unterbrechen. Sah man im Schaufenster einen bislang ungehobenen Schatz, wartete man auch gern das Ende der Mittagspause ab oder meditierte vor dem Schild »Komme gleich wieder«. Waren wir zwei oder mehr Interessenten, konnte es Streit geben. Wer hatte es zuerst gesehen? Wem war beim letzten Mal der Vortritt gelassen worden? Was in Dresden oder Leipzig gar nicht erst in der Auslage erschien oder noch am selben Tag ausverkauft war, dämmerte in kleineren Orten oft einige Tage, mitunter unfassbare Wochen lang unentdeckt vor sich hin. In der Provinz geschahen die Wunder.
Plötzlich konnte man vor einem grauen Buch mit der weißen Aufschrift Dubliner stehen. Oder ein dunkelvioletter Band der Insel-Bücherei – überhaupt: Inselbücher! – hypnotisierte den Blick: Nadja. Auf einem schwarzen Band der Spektrum-Reihe fügten sich die Buchstaben zu Sensationen zusammen wie: Malamud, Frisch, Pynchon, oder ein Reclam-Band warb in aller Schönheit mit Namen wie Singer, Camus, Onetti, Schmidt. Oder diese unvergleichlichen weißen Lyrik-Bände, eingeschlagen in Pergaminpapier: Tarkowski, Ungaretti, Pavese, Pasternak, Enzensberger, Auden, Pound, Celan, Benn, Stevens … Jedes Kaff konnte das Leben verändern.
Woher man die Namen kannte? Man wusste sie halt – von Freunden, aus Nachworten, man stieß den anderen mit dem Ellbogen an: Da liegt noch ein Exemplar, willst du das denn nicht? – Oh! Danke! Natürlich! Wer ist das?
Geradezu verstörend war es, wenn man, nach mehrfachen Bestellungen und Nachfragen oder schmerzlichen Tauschgeschäften, etwas erkämpft hatte und nun zum zweiten Mal Gelegenheit erhielt, den neuen Fühmann oder Braun, die Kassandra oder Horns Ende zu erwerben. Geschah das öfters, entstanden Zweifel an der Wichtigkeit des Buches, also an seiner Sprengkraft. In aller Regel kaufte man es trotzdem – und verschenkte oder verkaufte es weiter.
Bei Reclam-Büchern griff man auf Verdacht zu, vor allem dann, wenn der Autor nicht aus dem Osten kam. Die eine Mark fünfzig oder drei Mark hatte man meist. Bei Büchern der Spektrum-Reihe sowieso, schon wegen der Fotomontage auf dem Einband. Deshalb entdecke ich bis heute meinen Bücherschrank: Ach, das ist der Carver, der Heaney, der Donald Barthelme.
Was nicht »aktuell« oder lizenzpflichtig war, gab es mehr oder minder ausreichend und konnte gelassener betrachtet werden. Aber auch bei Dostojewski oder E. T. A. Hoffmann, bei Novalis oder Jean Paul war man gut beraten, sofort zuzugreifen. Die eigentlichen Probleme entstanden mit dem 20. Jahrhundert, und das begann bei Baudelaire und Rimbaud. Trotz aufwendiger Suche gelang es mir nie, die sieben Bände Proust aufzutreiben.
Mitunter zögerte man zu lange, glaubte, die drei Bände von Alexander Block würden sich noch eine Weile halten. Manches, wie die Memoiren von Ehrenburg, Nerudas Canto General kaufte ich nur auf Drängen einer Buchhändlerin, auch Babels Reiterarmee – sollte ich freiwillig Propaganda lesen?
Mein Lateinlehrer, ein Brecht-Experte, beklagte sich einmal vor der Klasse – er warf es uns regelrecht vor –, dass die Bücher Platonows in den Buchläden herumstünden. Mit der flachen Hand schlug er sich gegen die Stirn und rief: »So was will mir einfach nicht in den Kopf! Platonow!«
Beschreibe ich hier ein fragwürdiges, ein schäbiges Glück? Weil es dem Geist der Restriktion und des Mangels entspringt? Weil es wichtige Autoren gab, von denen nichts erschien, von anderen oft nicht mehr als ein Splitter ihres Werkes?
Heute hat sich die Literatur aus dem flachen Land zurückgezogen in die urbanen Oasen – und Antiquariate. Außerhalb davon existiert sie nur virtuell, im Computer, so exterritorial wie die Tankstellen.
Ja, tanken mussten wir auch, zu Mittag aßen wir im »Aalhof« und zwei Kilometer weiter hielten wir zum dritten Mal: an einem Antiquitätenladen.
Nachdem ich unter Aufsicht der Verkäuferin das Zimmer mit Militaria besichtigt hatte, stieß ich vor einem Glasschrank mit Zigarrenbilderalben gegen einen Chiquita-Bananen-Karton, in dem Taschenbücher standen – Reclam-Leipzig-Ausgaben –, jeder Band fünfzig Pfennig: Sarah Kirsch, Musik auf dem Wasser, Pavese, Bobrowski, Musil, Mandelstam, Rilke.
Lächelnd kam meine Beifahrerin zu mir herüber. Mit beiden Armen hielt sie eine riesige Steingutschüssel um-schlungen, in der eine filigrane Briefwaage stand. Sie versuchte, die Namen auf den Büchern, die ich gegen meinen Bauch drückte, zu erkennen. »Warum kaufst du das denn?« Keine Frage hätte mich mehr überraschen können.
Ich besaß alle diese Bücher, brauchte dringend jeden Regalzentimeter; zum Verschenken waren sie zu vergilbt, exotisch kostbar erschienen sie nicht mal mir. Bin ich nostalgisch oder einfach falsch konditioniert?
»Findest du nicht, dass sie unglaublich preiswert sind?«, fragte ich und legte die Bücher zurück in den Karton. Sie zuckte mit den Schultern, und ich klopfte mir den Staub vom Hemd.
(1999)

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