Interview mit Ingo Schulze

FRAGE: Herr Schulze, der Untertitel Ihres neuen Buches lautet „Dreizehn Geschichten in alter Manier“. So alt ist diese Manier aber gar nicht: Sie beziehen sich auf die klassische Short Story, die Sie zuweilen – vorsichtig – mit einem fantastischen Moment anreichern. Was ist für Sie die alte Manier?
INGO SCHULZE: Ich muss ein klein wenig ausholen: Diese Bezeichnung steht in einem Kontrast zu dem Titel des Buches. Handy ist ein Wort, das sich ungefähr ab Mitte der 90er Jahre verbreitete, die meisten schafften sich ihr Handy gegen Ende der 90er oder später an. Ich erzähle ja auch von der jüngsten Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart. Zum anderen ist für mich der Stil immer etwas, das ich versuche – in der Tradition von Alfred Döblin – aus dem Stoff zu entwickeln. Das hat mit einer Art Resonanz zu tun, auch damit, die angemessene Stimme und Struktur zu finden. Stil bedeutet etwas, er signalisiert etwas, aber auf eine Art, wie am ehesten Musik wirkt. Ich merkte, dass mich das, was ich erzählen wollte, auf eine mich selbst überraschende Weise zu einem sehr traditionellen Stil drängte. Ich fühlte mich plötzlich in der Situation eines Geschichtenerzählers, eines – um mal ganz hoch zu greifen – Boccaccio. In Simple Storys war ich mit Beschleunigung und Sachlichkeit konfrontiert, jetzt meldete sich eine weiter zurückliegende Vergangenheit. Nimmt man Titel und Untertitel und Stil zusammen, so ließe sich vermuten, dass unsere neueste Zeit in gewisser Weise wieder auf dem Weg in eine Art Vormoderne ist. Ich meine, dass ein bestimmter sozialer Ausgleich von einer allumfassenden Ökonomisierung wieder aufgefressen wird oder dass wir uns, beispielsweise, beim sogenannten Sponsoring auf feudalistische Verhältnisse zurück bewegen. Man könnte aber auch sagen, dass es um ganz grundsätzliche Positionen geht. Und solche grundsätzlichen Klärungen korrespondieren vielleicht eher mit einer Art Fabel. Ganz unmittelbar aufs Literarische bezogen ließe sich hinter alter Manier zu Recht auch ein direkter Bezug zu bestimmten Erzählmustern oder konkreten Vorbildern sehen.


FRAGE: Es gelingt Ihnen, durch sehr knappe Andeutungen eine sehr suggestive Atmosphäre zu schaffen, ein Leben, eine Umgebung, ein Gefühl sozialer Unsicherheit entstehen zu lassen. Von Raymond Carver, einem dieser konkreten Vorbilder, wissen wir, dass solcherart Effekte Ergebnis vieler Reduktionen und Streichungen waren. Wie gehen Sie bei der Arbeit an einer Kurzgeschichte vor? Schreiben Sie eine Geschichte mehrmals (um)? Arbeiten Sie lange an einem Text?
SCHULZE: Ich schreibe mehr oder minder schnell eine erste Fassung, danach beginnt die eigentliche Arbeit. Lange zeige ich niemandem etwas. Ab einem bestimmten Punkt brauche ich aber Resonanz. Außerdem wird man irgendwann auch blind gegenüber dem Text, dann beschäftige ich sehr viele Leute. Diesmal ging es vergleichsweise sehr schnell.


FRAGE: Das Handy in der Titelgeschichte Ihres Bandes ist, wie Sie andeuten, ein Symbol für das Eindringen des Neuen in eine Welt, die sich verändert – die Menschen sind noch nicht so weit, aber ihnen bleibt keine Wahl, sich mitzudrehen. Auch in der Geschichte „Die Verwirrung der Silvesternacht“, der Titel spielt wohl an E.T.A. Hoffmann an, gibt es eine Figur, die jetzt erfolgreich ist, aber eigentlich noch der Vergangenheit und einer vergangenen Liebe nachhängt – eine Ungleichzeitigkeit. Ist das auch der Ausgangspunkt des Schreibens: zu erahnen, dass sich etwas verändert, ohne dass noch klar ist, wohin es geht? Und nicht richtig in der Zeit, der Gegenwart zu sein, obwohl natürlich das Leben jetzt spielt?
SCHULZE: Ja, es geht um dieses Gefühl, dass sich etwas verändert, aber man weiß nicht genau, was es ist, was sich da tut. Das ist das Feld der Kunst, dass es solche Ahnungen verdichtet und möglichst genau umschreibt. Es ist immer die Hoffnung, dass wir den alten Geschichten von Liebe und Tod etwas von unserer Zeit hinzufügen können. Und damit auch versuchen, uns ein Bild von uns selbst zu machen. Das Handy-Zeitalter ist ja auch das Internet-Zeitalter. Es gibt Kapitel in „Simple Storys“, die müssten mit Handy ganz anders geschrieben werden. Andererseits hätte eben eine Erzählung wie „Handy“ nicht Anfang der Neunziger Jahre spielen können. Wir gehen ja mit der Technik eine Verbindung ein und werden dadurch zu einer Art Mischwesen.


FRAGE: Sie schreiben an einer Stelle, wo es darum geht, dass es möglicherweise einfacher wäre, aus der Ich-Perspektive in die dritte Person zu wechseln: Das Leben habe die Tendenz die Literatur nachzuahmen. Man stutzt zunächst, da man ja eher an die entgegenlaufende Richtung denkt – und in den Geschichten auch den Eindruck hat, dass hier das Leben die Literatur schreibt. Wie ahmt das Leben beim Schriftsteller Ingo Schulze die Literatur nach?
SCHULZE: Dieser Satz steht in einer Geschichte, die sich auf zwei andere Geschichten bezieht, auf eine von Imre Kertész und eine von Péter Esterházy, von Esterházy stammt auch dieser Satz. In diesem Fall bin ich vorsätzlich mit dem Zug von Budapest nach Wien gefahren, so wie es die beiden getan haben. Dieses Vorsätzliche hat Einfluss auf die Geschichte, es beschädigt sie in gewisser Weise, was man sich aber eingestehen muss, damit man es wiederum verwenden kann... Nicht nur in der Touristikbranche gibt es dieses „auf den Spuren von“-Reisen. Wir sind doch mehr denn je geprägt von den Bildern, die uns ins Wohnzimmer geliefert werden, von Erzählungen, die uns allen geläufig sind. Ich bin davon überzeugt, dass das Leben die Literatur, überhaupt die Kunst nicht weniger nachgeahmt wird als sie ihrerseits nachahmt.


FRAGE: In einigen der Geschichten taucht ein Erzähler auf, der von Beruf Autor ist. Oft ist er zu Lesereisen ins Ausland unterwegs; er hat Bücher mit Titeln wie „33 Augenblicke des Glücks“ oder „Simple Storys“ geschrieben. Was hat dieser fiktionale Autor mit Ihnen zu tun? Warum haben Sie diesen Kunstgriff fiktionaler Autobiographie oder autobiographischer Fiktion eingeführt?
SCHULZE: Meine Anregungen kommen aus meinem Alltag, und da sind meine Erfahrungen eben begrenzt. Andererseits gerate ich als Schriftsteller in Situationen, die sich schwer in einen anderen Beruf übersetzen lassen, ohne dass das, was sich darüber vielleicht erzählen lässt, nur meine Erfahrungen oder die meines Berufstandes berührt. Ich hätte natürlich auch einen Ingenieur oder Manager oder Montagearbeiter nach Kairo, Estland oder St. Petersburg reisen lassen können. Aber dafür fehlte mir genaues Wissen. Da ich fast immer die Ich-Form als die geeignetste Form empfand, habe ich dieses Hakenschlagen ausgelassen. Als Schriftsteller, als Geschichtenerzähler, will ich meine Zuhörer überzeugen. Und am besten lässt sich erfinden aus einer Situation heraus, die die Leser „einem abkaufen“.


FRAGE: Mit dem „etwas abkaufen“ hat auch eine andere Wahrnehmung Ihre Werks zu tun: Sie gelten als Autor der ostdeutschen Provinz. Auch in den Besprechungen Ihres neuen Buches wird betont, dass es bei Ihnen ganz beiläufig eine Ostperspektive gebe. Würden Sie das auch so sehen, und wie würden Sie diese spezifische Ostperspektive beschreiben?
SCHULZE: Die Ostperspektive ist, von der Tendenz her, die des Neulings, des Dazugekommenen, der das Vorhandene nie so im kleinen Finger haben wird wie jemand, der schon immer da gewesen ist. Man hat aber auch ganz andere Erfahrungen gemacht und wundert sich über manches, das jemandem, der im Westen aufgewachsen ist, als völlig normal, vielleicht sogar als naturgegeben erscheint. Es geht dabei nicht nur um Deutschland. Dieses Neuling-Sein und über ganz andere Erfahrungen verfügen ist etwas, das neben den Russen, Chinesen oder Indern auch Länder wie zum Beispiel die Türkei oder Ägypten teilen. Wenn man Pamuk liest oder arabische Autoren, dann ist der Westen ein Bezugspunkt, aber man kommt von außen. Und daraus wird wohl auch weiter Neues entstehen. Die meisten Menschen auf der Welt sind „Draußenstehende“ oder „Dazugekommene“.


FRAGE: Ihrem Erzählungsband haben Sie ein Motto von Friederike Mayröcker vorangestellt, das auf existenzielle Weise das Draußenstehen aufgreift: „Dann folgte ein Tag dem anderen ohne dasz die Grundfragen des Lebens gelöst worden wären.“ Kann Literatur beim Lösen der Grundfragen helfen? Oder ist sie ein Trost dafür, dass man eben die Sinnfragen nicht beantworten kann?
SCHULZE: Als Leser, und darüber lässt sich eigentlich nur als Leser sprechen, suche ich nach Büchern, die in meiner jetzigen Situation zu mir sprechen. Und es gibt nichts Schöneres, als das richtige Buch zur richtigen Zeit zu lesen. Literatur, überhaupt die Kunst, ist per se schon ein Trost, weil es etwas sagt, was anders nicht gesagt werden kann. Literatur ist dafür da, mit den eigenen Erfahrungen nicht allein zu bleiben. Bei diesem Vorgang verschwinden manchmal unmerklich die sogenannten Grundfragen.


FRAGE: Was ist für Sie der Kern einer Geschichte? Was ist es, das Sie interessieren muss, damit Sie sich als Erzähler damit beschäftigen? Mit anderen Worten: Wie erahnen Sie, dass das Motiv oder die Pointe einer Geschichte über sich hinausweist, vielleicht gar gesellschaftliche Prozesse oder Atmosphären verdichten kann? Woher kommen die Stoffe?
SCHULZE: Die Anregungen kommen aus meinem Alltag, das heißt, eigentlich von überall her. Es ist aber schwer, das genau beschreiben zu wollen. Man kann ja nicht sagen, so, jetzt will ich endlich eine Idee haben. Diese Idee kann ein Satz sein, eine Konstellation, manchmal schon fast die ganze Geschichte. Das Eigentliche ergibt sich bei mir beim Schreiben. Ich muss am Computer sitzen und Sätze tippen. In dem Prozess, in dem man versucht, die Idee aufzuschreiben, sie in der Welt anzusiedeln, kommen so viele Details dazu. Und irgendwann bekommt man Wasser untern Kiel. Plötzlich schwimmt das Ding los und man weiß nicht genau, wohin es geht. Oft habe ich eine Vorstellung, wohin ich will, aber meistens verwerfe ich die dann oder es ergibt sich eine Möglichkeit, die von der ursprünglichen Idee nichts mehr übrig lässt. Jeder, der mal einen Aufsatz geschrieben hat, kennt das zumindest in Ansätzen. Mir erscheint das weniger spiritistisch als ein Gefühl für ein Gleichgewicht, ein Raumgefühl, mitunter sind es auch ganz mechanische Verbindungen, die man wagt um zu sehen, was das bewirkt.


FRAGE: Für Ihren Roman „Neue Leben“ haben Sie sich acht Jahre Zeit gelassen und damit auch die Mechanismen des Literaturbetriebs unterlaufen. Fast verblüfft es nun ein wenig, dass Sie nach anderthalb Jahren einen neuen Erzählungsband vorlegen. Wie kam es dazu?
SCHULZE: Von den 280 Seiten habe ich ungefähr 200 im letzten Sommer geschrieben. Aber die Ideen dazu, mit zwei Ausnahmen, trug ich schon mehrere Jahre mit mir herum. Ich fürchtete anfangs, dass mir diese Ideen fremd geworden sein könnten oder dass mich nach „Neue Leben“ dieses sogenannte einfache Erzählen nicht mehr interessiert. Aber das Gegenteil war jeweils der Fall. Ich war mit den Ideen vertraut, und ich sah sie jetzt in einem neuen und, wie ich fand, interessanteren Licht. Dieses Erzählen ist wie der Versuch, mit einem Finger eine Melodie auf dem Klavier zu spielen.

FRAGE: Wie empfinden Sie die Rezeption Ihrer Texte, vor allem auch von „Neue Leben“? Sie sind von Anfang an mit Lob überschüttet worden. Befürchtet man da, irgendwann vielleicht auch Gegenwind zu erfahren – aus medientaktischen Gründen etwa? Oder ist man sich irgendwann als Autor „sicher“?
SCHULZE: Ja und nein. Natürlich bin ich davon überzeugt, keinen Mist herauszugeben. Ich arbeite relativ lang an den Sachen und habe ein paar Vertraute, die mich im Falle, dass ich nicht merke, was ich da fabriziert habe, hoffentlich schützen würden. Aber man lernt ja das, was man geschrieben hat, erst durch die Leser kennen, durch Freunde, Lektoren, im Gespräch mit dem Publikum, durch Übersetzer, Kritiker, Wissenschaftler und wird davon nicht selten überrascht. Wenn ich da auf einhellige Ablehnung oder Ignoranz stoßen würde, fiele es mir wahrscheinlich schwer, weiterzumachen. Jedes Lob ist eine Ermutigung und eine Kraftzufuhr, man traut sich plötzlich mehr zu, und jede Kritik landet, auch wenn ich versuche, mich davor zu schützen, letztlich doch in der Magengrube. Andererseits wäre es absurd, nur Lob zu erwarten. Doch ohne die Resonanz auf die ersten Bücher hätte ich mich womöglich nicht an „Neue Leben“ gewagt. Nach diesem mehrfach verspiegelten Roman war es nun in „Handy“ das Wagnis der Einfachheit, der klar erzählten Geschichte.

FRAGE: Sie sind gerade in Rom als Stipendiat der Villa Massimo. Wie gefällt es Ihnen dort? Haben Sie schon die Geister früherer Stipendiaten dort gespürt? Was haben Sie sich für die Zeit in Rom vorgenommen? Und wie ist es, aus dem eigenen „gewohnten“ Leben für ein Jahr herauszutreten?
SCHULZE: Wir sind erst seit Mitte Februar in Rom. Für uns ist es ein Traum, die Erfüllung eines Traums. Abgesehen von einer kleinen Lesereise rühre ich mich hier auch kaum weg. Und wenn, dann höchstens in Richtung Süden. Wir leben sehr mit der Stadt (zudem gibt es jede Woche ein oder zwei geführte Exkursionen), aber auch mit den Mitstipendiaten. Es ist so eine Neugier in jede Richtung. Natürlich wird man als Massimo-Stipendiat ständig auf Brinkmann angesprochen, ich glaube sogar, das Studio 10, in dem wir jetzt wohnen, war auch das seine. Ich habe angefangen, italienisch zu lernen, der italienische Kindergarten, in den unsere Kinder gehen, ist auch für „die Großen“ eine außerordentliche Erfahrung. Es funktioniert hier wirklich anders. Am wichtigsten ist es mir aber, den Druck los zu werden, den äußeren und den inneren. Und das scheint mir langsam zu gelingen.

FRAGE: Wilhelm Genazino hat einmal gesagt, „dass die Existenzweisen der Schreibenden oft noch viel sonderbarer und aufregender sind als die von ihnen hervorgebrachte Literatur“. Würden Sie dem zustimmen?
SCHULZE: In der letzten Geschichte von „Handy“ hat der Ich-Erzähler einen Moment die Vorstellung, jetzt all das erleben zu müssen, was er selbst geschrieben hat – und ihm stehen die Haare zu Berge. Als neben ihm dann ein Auto in Flammen aufgeht, wird er plötzlich ganz ruhig, denn das hat er nicht beschrieben. Diese Episode ist mal nicht erfunden...
Die Fragen stellte Ulrich Rüdenauer

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