Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Auszeichnung, ein Jahr lang das Amt des Stadtschreibers bekleiden zu dürfen. Ich verstehe Ihre Einladung nach Mainz vor allem als Aufforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen, einander kennenzulernen und – zumindest was das ZDF betrifft – gemeinsam zu arbeiten.

Bisher kenne ich Mainz kaum. Ich habe den Dom gesehen, ein paar Räume der Gutenberg-Universität, das Foyer vom SWR, das 3sat-Studio, Buchhandlungen, Hotels, Restaurants, den Bahnhof.

Jenseits dieser Berührungspunkte ist Mainz für mich die Chiffre eines geistigen Raums mit unübersehbaren Wirkungen. Es ist die Stadt von Johannes Gutenberg, mit einer alten Universität, die Gutenbergs Namen trägt, die Stadt, in der die erste deutsche Republik gegründet wurde mit Georg Forster als einem der maßgebenden Köpfe, Mainz ist die Stadt von Anna Seghers, die Stadt, die eine von Alfred Döblin mitbegründete Akademie beherbergt, und nicht zuletzt die Stadt, die wie keine andere für das deutsche Fernsehen steht.

Über Johannes Gutenberg und die Folgen seiner Erfindungen zu sprechen, ist mir fast nicht möglich. Die letzten sechs Jahrhunderte sind ohne das gedruckte Wort unvorstellbar. Marshall McLuhans Begriffsschöpfung der Gutenberg-Galaxis setzt das einprägsam ins Bild. McLuhan erkennt dort eine Galaxis, also etwas bei aller Weite Begrenztes, wo man noch wenige Jahrzehnte zuvor geglaubt hatte, das Weltall schlechthin zu erleben. Gerade weil McLuhan auch die Grenzen der Galaxis sieht, kann er die Bedeutung Gutenbergs genauer fassen. „Der Buchdruck neigte dazu, die Sprache von einem Mittel der Wahrnehmung zu einer tragbaren Ware zu verändern“ schreibt McLuhan 1962 in seinem viel zitierten Buch „Die Gutenberg-Galaxis“. „Der Buchdruck ist nicht nur eine Technologie sondern selbst ein natürliches Vorkommen oder Rohmaterial wie Baumwolle oder Holz oder das Radio; und wie jedes Rohmaterial formt es nicht nur die persönlichen Sinnesverhältnisse, sondern auch die Muster gemeinschaftlicher Wechselwirkung.“

Das Buch als verfügbare Ware verändert die Weltwahrnehmung des Einzelnen wie auch die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Mainz legt es nahe, Gutenberg und Forster in Beziehung zueinander zu setzen.

Fragwürdig wäre es, eine Heilsgeschichte in dem Sinne zu konstruieren, dass dort, wo die erste Druckerpresse stand, auch die erste deutsche Republik entstehen musste. Doch ohne die Alphabetisierung, ohne die Verbreitung von Bildung, ohne Buch und Zeitung wäre eine öffentliche Willensbildung, die diesen Namen verdient, nicht möglich gewesen. Deshalb halte ich es für keinen Zufall, dass gerade in den Tagen, in denen sich die erste deutsche Republik bildete, Georg Forster den Begriff der „öffentlichen Meinung“ ins Deutsche einführte, wie man bei seinem Biographen Klaus Harpprecht als auch bei Jürgen Habermas nachlesen kann. Allerdings beklagt Forster gerade das Fehlen eben dieser öffentlichen Meinung: Wie „es keinen deutschen Gemeinsinn gibt, so gibt es auch keine deutsche öffentliche Meinung. Selbst diese Wörter sind uns so neu, so fremd, daß jedermann Erläuterungen und Definitionen fordert, indes kein Engländer den anderen mißversteht, wenn vom public spirit, kein Franzose den anderen, wenn von opinion publique die Rede ist.“

Nach Forster ist die „öffentliche Meinung“ in den letzten Jahren des Ancien Régime entstanden.

In seinen „Parisischen Umrissen“ zählt er einige Bedingungen auf, die für ihre Entwicklung wichtig waren. Vor allem ist es die Größe von Paris, die in dieser Stadt „konzentrierte Masse von Kenntnissen, Geschmack, Witz und Einbildungskraft“, des weiteren nennt er „die Losgebundenheit von Vorurteilen in den oberen und mehr oder weniger auch in den mittleren Ständen“, „die durch die Freiwerdung von Amerika, und Frankreichs Anteil daran in Umlauf gekommenen Ideen von Regierung, Verfassung und Republikanismus“. „Dies alles“, fasst Forster zusammen, „bahnte Denkfreiheit und Willensfreiheit dergestalt den Weg, daß schon eine geraume Zeit vor der Revolution eine entschiedene öffentliche Meinung durch ganz Paris und aus diesem Mittelpunkt über ganz Frankreich beinahe unumschränkt regierte.“

Im Sinne von Forsters „Denkfreiheit und Willensfreiheit“ sieht wenige Jahre später Christoph Martin Wieland die „öffentliche Meinung“ dort wirken, „wo Wahnbegriffe und Vorurteile, die unser unmittelbares Wohl oder Weh betreffen (…), endlich der Übermacht der Wahrheit weichen“. Nach Wieland ist die öffentliche Meinung ein Produkt der „schärfsten Untersuchung der Sache, nach genauester Abwägung aller Gründe für und wider“.

Die öffentliche Meinung arbeitet am Selbstverständnis der Gesellschaft und zeigt sich zugleich in der gesellschaftlichen Praktik.

Doch schon Georg Forster muss binnen weniger Monate erfahren, wie ambivalent dieser Vorgang ist.

Forster, der unentwegt davor gewarnt hat, in Deutschland die Revolution zu proben, weil Deutschland nicht reif dafür sei, zögert auch dann noch, sich auf die Seite der Revolution zu stellen, als bereits französische Truppen in Mainz stehen und sich ein Mainzer „Club der Jakobiner“ zusammenfindet. Forster hofft auf seine Wahl in die Preußische Akademie und auf eine Professorenstelle in Berlin. Sein Leben steht auf der Kippe. Erst als ihm die Zeit davonläuft und er aus Berlin nichts hört, tritt er am 5. November 1792 dem Club bei. Am 18. November ernennt der französische General Custine Forster zum zweiten Mann in der zivilen Administration von Mainz, de facto aber wird Forster deren führender Kopf. Da Forster in seiner ersten Rede im Club den Rhein zur natürlichen Grenze Frankreichs erklärt und Mainz damit als zu Frankreich gehörig darstellt – er selbst bezeichnet sich in Abgrenzung zu dem Begriff Untertan nun als „Bürger der französischen Republik“ – gilt er fortan nicht nur in Berlin als Verräter.

 

Anfang 1793 gründet er „Die neue Mainzer Zeitung“ (im Untertitel steht: „Der Volksfreund“). Mit seiner Zeitung wie auch mit seinen Reden versucht er, die öffentliche Meinung im Sinne der Republik und Frankreichs zu beeinflussen. Doch das revolutionäre Feuer sprang nicht nur angesichts der drohenden Belagerung der Stadt nicht über. Die Mainzer, so erscheint es Forster, wollten nicht frei sein. Und doch erscheint ihm die Revolution als das bedeutendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit seit Christus.

Am 21. März 1793 wird in Mainz die „brüderliche und unzertrennliche Vereinigung“ mit Frankreich beschlossen. Von da an gelten für Bürger der Mainzer Republik die Menschenrechte.

Georg Forster gehört zu der dreiköpfigen Delegation, die den Mainzer Beschluss der Nationalversammlung in Paris überbringen soll. Am 25. März 1793 brechen sie auf, am 29. März sind sie bereits in Paris. Ihr Antrag wird per Akklamation angenommen. Die drei müssen allerdings in Paris ausharren, es gibt Formalien zu erledigen – und Mainz wird belagert. Forster erlebt ein anderes Paris als das, was er zu Beginn der Revolution gesehen hat. Dem Überschwang folgt der Terror, die Revolution frisst ihre Kinder. „Wer obenauf schwimmt, sitzt am Ruder, bis ihn der nächste, der für den Augenblick am stärksten ist, verdrängt. Wenn man nicht verfolgen, denunzieren und guillotinieren lassen kann, ist man nichts. Kurz, zum ersten Mal in meinem Leben helfen mir alle meine Hülfsmittel nichts, und ich stehe so verlassen da wie ein Kind, das keine Kräfte hat, sich selbst zu ernähren.“ Forster muss erleben, wie die öffentliche Meinung, für die er gestritten hat, zur Ideologie wird, zur Hetze und zur Ermächtigung, mit jeder und jedem kurzen Prozess zu machen. Doch er erleidet es nicht nur, er ist selbst Teil dieser Entwicklung. Pathetisch preist er vor der Nationalversammlung im Juli den Kampf der Mainzer gegen die Belagerer, preist die Revolution, und man weiß nicht mehr, ob er Mimikry betreibt, um seinen Kopf zu retten, oder ob es Zerrissenheit ist, weil er daran festhält, dass man die materiellen Voraussetzungen zum Glück aller zu schaffen habe, dass man die „Last, die eine ungerechte Regierung der arbeitenden Klasse aufgebürdet hat, von ihren müden Schultern“ nehmen müsse.

Seine „Darstellung der Revolution in Mainz“ bricht mitten im Satz ab. Seiner Frau vertraut er an: „Ich schreibe, was ich nicht mehr glaube.“

Diese moderne Tragödie, die Forster durchlebt, erscheint mir geradezu exemplarisch für die kommenden zwei Jahrhunderte.

Ich denke dabei auch an Anna Seghers. Volker Braun erzählte mir, wie er, nachdem seine „Unvollendete Geschichte“ auf einer Tagung kritisiert worden war, von Anna Seghers, die ihn verteidigt hatte, herangewunken wurde. „Ja weißt Du denn nicht“, flüsterte sie ihm zu, „dass man dafür früher verschwinden konnte?“

Forster galt noch im 20. Jahrhundert als Verräter. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging man beim Akademieverlag in Ostberlin daran, eine historisch-kritische Gesamtausgabe seiner Werke zu edieren. Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass die Zensur Schwierigkeiten mit Forsters Briefen aus den Revolutionsjahren hatte. Offenbar fürchtete man noch immer seinen Einfluss auf die öffentliche Meinung, so dass der für 1975 angekündigte letzte Band erst 1989 erscheinen konnte.

 

Die öffentliche Meinung schafft und verändert das, was wir als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit empfinden. Jemand, der aus dem Osten kommt, kennt die Veränderungen der gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten in der Bundesrepublik nur teilweise aus eigener Erfahrung. Wie erstaunt und in gewisser Weise auch ratlos reagierten wir auf die Proteste gegen die Volkszählung von 1987. So recht verstand ich den damaligen Furor nicht, sympathisierte aber mit den Protestierenden. Ich bewunderte deren Wachheit und Entschiedenheit, mit der sie sich gegen vermeintliche oder tatsächliche undemokratische Praktiken zur Wehr zu setzen versuchten.

Wo ist dieser demokratische Furor, wo ist diese politische Wachheit geblieben?

Vor einigen Wochen hörte ich während einer Autofahrt im Radio eine Diskussion, in der es um die Finanznot der Kommunen ging. Ich erfuhr, dass Mainz mit einer Milliarde Euro verschuldet sei, ja die Schuldenlast jährlich um etwa 100 Millionen Euro steige. Meine erste Reaktion war: Und trotzdem leisten sie sich einen Stadtschreiber. Soll ich meinen Scheck lieber gleich einlösen oder sollte ich mein Geld solidarischer Weise der Stadt für ein Jahr zinslos zu Verfügung stellen? Darf man einem so gebeutelten Gemeinwesen überhaupt auf der Tasche liegen? Aus Gedanken wie diesen riss mich einer der Diskussionsteilnehmer, Günter Beck, Mainzer Bürgermeister sowie Finanz- und Sportdezernent. Er war stolz darauf, städtische Schwimmbäder nicht geschlossen, sondern sie stattdessen privatisiert zu haben. Zudem verwies er darauf, dass die Stadt Mainz auf jede Theaterkarte 104 Euro draufzahle und damit eine Minderheit stark subventioniere. Diese Aussagen erregten in der Diskussion bis zu den Nachrichten – dann musste ich aussteigen und zum Zahnarzt – keinen Widerspruch. Sie kamen ja auch von einem maßgeblichen Vertreter ihres Gemeinwesens. Seine Ansichten lassen sich unschwer als Selbstverständlichkeit, als neue Selbstverständlichkeit interpretieren.

Das heißt zum einen: Als Theaterbesucher muss man sich in Mainz schämen, zumindest in den Augen des Finanzdezernenten, derartige Subventionen in Anspruch zu nehmen. Da sollte man schon mit sich ins Gericht gehen, ob der Theaterbesuch auch wirklich unbedingt notwendig ist, wenn er die Stadt derart belastet. -- Welches Selbstverständnis hat man in Mainz von Kultur, wenn man dem Theaterbesucher eine solche Rechnung präsentiert? Und müssten unter diesem Gesichtspunkt denn nicht alle Theater Deutschlands schnellstens geschlossen werden? Oder anders gesagt, hätten dann überhaupt je Theater eröffnet werden können? Ist aber nicht gerade das Theater ein Ort, in dem das Gemeinwesen sich lustvoll selbst befragen kann, in dem es sich über sich selbst spielerisch verständigt. Ich weiß nicht, ob das Mainzer Theater das leistet und ob es so wahrgenommen wird, darüber und über anderes könnte man ja streiten. Aber ihm indirekt vorzuhalten, es sei ein Zuschussbetrieb für Minderheiten, könnte nach der nächsten Kommunalwahl – hält der Trend der sinkenden Wahlbeteiligung an – dann auch gegen die Stadtpolitiker gewendet werden.

Zum anderen scheint immer noch der Grundsatz zu gelten: Privateigentum sei besser als Gemeineigentum. Über die Mainzer Schwimmbäder weiß ich bisher nichts. Trotzdem glaube ich, generell fragen zu dürfen, warum denn ein privater Betreiber, der in aller Regel Kredite aufnehmen muss und diese an die Benutzer weitergibt, zusätzlich aber auch noch eine Gewinnspanne einkalkulieren muss, besser für die Nutzer sein sollte als die Kommune selbst?

Obwohl unser Bruttosozialprodukt viel höher ist als vor zehn Jahren oder gar vor zwanzig oder erst recht vor vierzig Jahren und der private Reichtum ebenfalls größer ist als je zuvor, nehmen wir die öffentliche Verschuldung hin wie ein Naturereignis, als wüssten wir nicht, dass Geld für das Gemeinwesen aus Steuern kommen muss.

Das wären Fragen, über die man ins Gespräch kommen könnte. Denn die öffentliche Meinung sollte diese neuen Selbstverständlichkeiten nicht ungeprüft hinnehmen.

Als Ermutigung für öffentliches Nachfragen könnte ein Beispiel aus Berlin dienen. Denn dort ist im Februar dieses Jahres ein kleines oder großes Wunder geschehen.

1999 hatte der schwarz-rote Senat die Berliner Wasserbetriebe zu 49,9 Prozent privatisiert. Allerdings waren die Verträge, in denen es für RWE und Veolia Gewinngarantien gab, nicht öffentlich einsehbar. Die Wasserpreise in Berlin stiegen in den letzten zehn Jahren um ca. 35 Prozent, im bundesweiten Vergleich kletterte Berlin auf den dritten Platz, Wasserwerke wurden stillgelegt, hunderte Stellen gestrichen.

Die eigentliche Frage dabei aber war für mich: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Wasser zu privatisieren? Wie kann man es erlauben, dass das Menschenrecht auf sauberes Wasser durch ein Gewinnstreben beeinträchtigt wird?

Ich muss Ihnen gestehen, dass ich von dieser Teilprivatisierung erst Jahre später erfahren habe – und das auch eher zufällig. Denn die Frage, wem das Wasser gehört, war den Berliner Medien lange Zeit keine Zeile wert.

Dass sich die Verhältnisse geändert haben, ist einem Dutzend Menschen zu verdanken, die diese neue und, wie ich finde, falsche Selbstverständlichkeit nicht hinnehmen wollten. Sie legten sich mit dem Senat und den Privaten an und mobilisierten fast unter Ausschluss der Medien eine öffentliche Meinung. Über viele Etappen hinweg, in denen mehrfach vor Gericht der Anspruch auf ein Volksbegehren erstritten werden musste, interessanter Weise gegen den erbitterten Widerstand eines rot-roten Senats, gelang es ihnen, ein Volksbegehren zu initiieren. Ich glaubte, diesen Aktivisten etwas Öffentlichkeit verschaffen zu können, indem ich Berliner Kolleginnen und Kollegen bat, die Aktionen zum Volksbegehren zu unterstützen. Immerhin kamen 22 Unterschriften von Berliner Schriftstellerinnen und Schriftstellern zusammen. Ich will ihnen das Debakel unserer Pressekonferenz nicht ausmalen. Es erschienen zwei kleine Artikel, die den Tenor hatten: Promis tauchen auf. Damit waren aber nicht die 22 Schriftsteller gemeint, sondern ein weltberühmter DJ, der sich und die ganze Initiative um Kopf und Kragen redete. Mitten in den Sermon des weltberühmten DJs hinein tauchte ein nicht näher bestimmbares zweiköpfiges Kamerateam auf, hielt auf uns drauf, drehte sich im Saal um die eigene Achse und war nach drei Minuten, in denen der weltberühmte DJ immer noch Dinge erzählte, die meine Bündnisfähigkeit mehr als nur strapazierten, schon wieder verschwunden.

Trotz der medialen Ignoranz, trotz eines lächerlichen Budgets von kaum zwanzigtausend Spenden-Euros, glückte zum ersten Mal seit dem Mauerfall in Berlin ein Volksbegehren. Alle Verträge, die nicht öffentlich sind, werden als ungültig erachtet. Und nun ist plötzlich auch der Senat Feuer und Flamme, die Wasserbetriebe zu rekommunalisieren.

Man kann diesen Vorgang als eine Sternstunde der Demokratie feiern, weil es von ganz unten her gelang, eine öffentliche Meinung zu schaffen und das Gemeinwesen zu seinem Vorteil zu verändern. Es lässt sich allerdings auch negativ lesen, als ein Versagen der Parteiendemokratie. Die Hindernisse, die die jeweils Regierenden der Bürgerinitiative errichteten, waren gewaltig. Und wer hat schon die Kraft, die Zeit und die Kenntnisse, sich dagegen zu behaupten und zur Wehr zu setzen. Das Versagen der Politik war auch lange Zeit ein Versagen der Medien. Die öffentliche Meinung als Protest gegen die Geheimverträge musste sich unter Umgehung der Medien herausbilden, ein Vorgang, den ich selbst gar nicht mehr für möglich gehalten habe.

 

Das Fernsehen ist zur Stunde immer noch das wichtigste Medium der öffentlichen Meinung, jenes Medium, in dem gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten produziert werden.

Für mich als Dresdner war das Westfernsehen nichts Alltägliches, aber etwas, zu dem ich trotzdem eine geradezu familiäre Nähe empfand. Denn im Gegensatz zu dem Fernsehen, das wir in Dresden empfangen konnten, glaubte ich diesem Fernsehen. Und jenes Gebilde, das in den kurzen Pausen des ZDF erschien und das meine Verwandten die ZDF-Rose nannten, war dem Kind zum fast ehrfürchtig betrachteten Erkennungszeichen des Goldenen Westens geworden.

In meiner Sozialisation in der Bundesrepublik gab es eine Zäsur, die aus meiner Warte von einem Versagen der Politik und der Medien markiert wird. Ich meine den Kosovo-Krieg.

Das eine war der Schock darüber, wie eine deutsche Regierung den Krieg gegen Serbien begründete, zu welchen Lügen und Vergleichen die damals verantwortlichen Politiker Schröder, Fischer und Scharping griffen, der andere Schock war, wie die Medien dies in den ersten Wochen passieren ließen. Das Fernsehen, ganz gleich ob es das öffentlich-rechtliche oder das private war, wurde zum Staatsfernsehen. Zum ersten Mal lernte ich das Gefühl von gesellschaftlicher Verlorenheit kennen. Nicht nur, weil der Riss auch durch den Freundeskreis ging und ich selbst jene Politiker gewählt hatte, die jetzt Verantwortung trugen, sondern weil mir das Fernsehen so vorkam, als gäbe es nur noch Ostfernsehen.

Vielleicht ist es ein Mangel an Nachdenklichkeit, dass ich dieses Gefühl der gesellschaftlichen Verlorenheit erst so spät kennenlernte. Aber diese Verlorenheit und diese Skepsis sind seither nicht weniger geworden.

Ein Grund dafür ist, dass das Fernsehen die Schizophrenie unseres Alltags nachvollzieht.

In einem Beitrag der ZDF-Sendung „Frontal“ vom 24. August letzten Jahres wurde darüber berichtet, wie durch die Immobilienkrise ungeheure Geldmengen – etwa das Dreißigfache im Jahresvergleich – in die Spekulation mit Nahrungsmitteln geflossen sind. Der Vertreter einer Hilfsorganisation sagte, dass sich als Folge die Zahl der Hungernden innerhalb eines Jahres um hundert Millionen erhöht habe. Ich kann nicht über die sachliche Qualität dieses Beitrages urteilen, habe aber auch keinen Grund, an der Gewissenhaftigkeit der Redaktion zu zweifeln und halte die Argumentation für plausibel. Natürlich ist die genaue Zahl von Betroffenen, so schwer vorstellbar sie ist, wichtig. Aber für die Argumentation spielt es keine Rolle, ob es einige Millionen mehr oder weniger sind. Sicher ist nur, dass die Spekulationen mit Lebensmitteln keinesfalls hinnehmbar sind. Wie sollte man einen solchen Vorgang auch nur ansatzweise öffentlich rechtfertigen?

Die Ursachen für dieses Elend liegen in unserem Alltag, in unseren Selbstverständlichkeiten. Wer findet schon etwas dabei, wenn die Deutsche Bank ihren Kunden rät, in nachwachsende Rohstoffe zu investieren. Im Anschluss an die Sendung erfährt man dann im „heute journal“ noch einiges über die Kursentwicklung der Deutschen Bank. Die Kommentatoren des Börsengeschehens bewundere ich für ihre ungemeine Eloquenz, für ihre teils glossenreifen unterhaltsamen Wendungen. Zugleich finde ich diese Berichte unerträglich. Ihre Kommentare haben zur Voraussetzung, dass Wachstum gut und steigende Kurse noch besser sind. Meistens erkennt man schon am Gesichtsausdruck der Kommentatoren, ob der Dax ins Plus oder Minus gedreht hat. Die Börse wird besprochen wie das Wetter.

Wäre es aber nicht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dieser Schizophrenie zu begegnen. In dieser scheinbar objektiven Betrachtung der Börse steckt eine ungeheure Ideologie und ein verheerendes Muster. Zum einen wird Menschenwerk, das historisch gewachsen und politisch gewollt ist, zu einer Art Naturereignis umgedeutet oder – überhöht, zum Fatum. Wer verliert, hat sich nicht einfach nur verspekuliert und ist falschen Prognosen aufgesessen, nein, er wird ein Opfer. Mit etwas Geschick können wir uns gegen das Naturereignis oder das Fatum schützen, vielleicht sogar Vorteile daraus ziehen, aber grundsätzlich entzieht sich sein Walten unserem Einfluss. Was übrig bleibt, ist ein quantifizierendes Denken: Allein das Maß von Plus oder Minus zählt, alles andere hat keine Bedeutung. Die Frage nach dem Was, nach dem Wie oder gar nach dem Warum ist dabei bestenfalls zweitrangig, wenn sie überhaupt gestellt wird.

Folgt man Wielands Bestimmung von öffentlicher Meinung, die das Produkt der „schärfsten Untersuchung der Sache, nach genauester Abwägung aller Gründe für und wider“ ist, so wäre der öffentlichen Meinung am besten gedient, wenn man die Börsenberichte unter verschiedenen Gesichtspunkten interpretieren würde, indem man sie nach ökonomischen, sozialen und ökologischen Kriterien bewertet. Mir als Zuschauer müsste eine Vorstellung davon vermittelt werden, was Kursgewinne oder Kursverluste bedeuten, wer Vorteile und Nachteile trägt und wie diese aussehen. Dahinter stünde die Frage: Ist das, was da geschieht, auch gut für uns, für das Gemeinwesen? Oder müssen wir die Regeln ändern, wenn weiterhin die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden?

Die öffentliche Meinung ist ja nur dann ernst zu nehmen, wenn sie tatsächlich Folgen hat, wenn wir uns rechtfertigen, legitimieren, unsere Selbstverständlichkeiten in Frage stellen müssen.

Was erwartet man aber von der Wirkung der eigenen Beiträge, wenn deren Einsichten selbst im eigenen Medium folgenlos bleiben? Ist diese Folgenlosigkeit nicht so, als würde man (frei nach Franz Fühmann) sagen: Des Kaisers neue Kleider sind gar schön, aber da unten am Saum und dort am Ärmel hat er hässliche Flecken.

Können wir uns überhaupt eine öffentliche Meinung im Sinne Forsters und Wielands leisten? Ein Kind, das womöglich sagt, dass der Kaiser gar keine Kleider an hat? Brauchen wir nicht die Parzellierung unserer Wahrnehmung, um die Doppelbödigkeit unseres Alltags, unserer Selbstverständlichkeiten auszuhalten.

Wir müssen ja nicht mal Aktien kaufen, um in unhaltbare Geschäfte verwickelt zu werden, es reicht schon eine Riester-Rente, bei der wir das Kleingedruckte überlesen, nämlich dass soziale und ökologische Kriterien bei der Anlage des Geldes keine Rolle spielen – so eindeutig formuliert wird das im Kleingedruckten natürlich nicht. Aus einer Sendung des Deutschlandfunks war zu erfahren, dass etliche Fonds, die eben jene Riester-Renten verwalten, nicht nur in Rüstungsfirmen investieren, sondern auch in solche, die geächtete Waffen wie Streubomben produzieren.

Unser Alltag ist unterminiert von derartigen unhaltbaren Praktiken. Und wir leben mit deren Verdrängung. Hier der kritische Bericht, da das Börsengeschehen. Hier unsere fragwürdigen Selbstverständlichkeiten, dort unsere großzügige Spende. Hier der Betrug, dort der großartige Minister. Hier die Rede des Stadtschreibers, dort der Computer, auf dem er sie schrieb, mit all den Rohstoffen aus dem Bürgerkriegs-Kongo, zusammengeschraubt von Arbeitern, die froh wären, eine 60-Stunden-Arbeitswoche zu haben.

Natürlich kann ich hier gut reden, denn meinen Scheck habe ich schon in der Tasche. Und selbst bei bester Führung kann ich mich nicht um eine zweite Amtszeit bewerben.

Ich weiß nicht, welche Anforderungen oder Erwartungen Sie an jene 45-minütige Fernsehdokumentation stellen, die ein Mainzer Stadtschreiber anfertigen darf und soll. Selbstverständlich ist es ja nicht, dass man einem Schriftsteller, den man noch dazu im Gutenberg-Museum einquartiert, einen Fernsehbeitrag abverlangt. Werde ich von der Quote verschont oder wird es sowieso ein Sendeplatz, bei dem man nicht mehr nach der Quote fragen muss?

Ein Kollegenfreund, mit dem ich über die Zäsur von 1989 diskutierte, meinte, für ihn als Westler sei es bedeutsam zu unterscheiden zwischen jenen, die mit und jenen die ohne Privatfernsehen aufgewachsen seien. Privatfernsehen ist die Verkörperung des Quantifizierbaren. Keine Quote, keine Werbung, kein Geld. Ich habe den Eindruck, dass sich mit 1989 das Privatfernsehen als Denkmodell durchgesetzt hat, dass sich auch das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen dem Quantifizieren unterworfen hat. Die Quote ist de facto die Börsennotierung einer Sendung. Wäre ein Aufbegehren gegen jenes so selbstverständlich gewordene quantifizierende Denken nicht auch ein Aufbegehren gegen die Quote? Oder anders gefragt: Was sind die Kriterien jenseits der Quote?

 

Bei dem Film, den wir vorhaben, soll es um falsche Selbstverständlichkeiten gehen, Selbstverständlichkeiten, die ich selbst noch bis vor anderthalb Jahren als Errungenschaft und Segen unserer Kultur und Zivilisation betrachtet habe. Es ist vielleicht kein Tabu-Thema, dem wir uns widmen wollen, aber ein Thema, über das man ungern spricht.

Eine der Aufgaben des Herakles war das Ausmisten des Augias-Stalles. Er bekam diese Arbeit nicht nur übertragen, weil sie als unlösbar galt, sondern auch, weil König Euristheus und seine Gemahlin hofften, der ungeliebte Thronanwärter Herakles würde sich statt Ruhm zu ernten nun mit Kot und Mist bekleckern. Statt zum Helden des Volkes würde er zum Gespött des Volkes werden. Bekanntlich griff Herakles aber nicht zu Mistgabel und Karren, sondern leitete die Flüsse Alpheios und Peneios durch den Stall des Augias. In gewisser Weise kann man in dieser Idee den Ursprungsmythos unserer Klospülung, unseres WCs sehen. Das WC ist uns heute so selbstverständlich geworden, dass wir es nirgendwo mehr missen möchten. Wo es fehlt, fehlt uns ein elementarer Teil unserer Kultur.

Auf einem Workshop, in dem sonst nur Geisteswissenschaftler zu Wort kamen, nannte ein Professor für Abwasserwirtschaft der Technischen Universität Hamburg-Harburg unser WC einen zivilisatorischen Irrweg. Seine Begründung war einfach:

Die Nährstoffe, die wir dringend benötigen, spülen wir mit enormem Aufwand in Kläranlagen, in denen die Rückstände getrocknet und verbrannt werden, was wiederum hohen energetischen Aufwand erfordert. Weltweit gesehen, so die Schätzung, wird allerdings nur ein Zehntel der WC-Fäkalien in Kläranlagen geleitet. Oftmals verkommen Bäche, Flüsse und ganze Meeresregionen zu Kloaken. Die Zahl der Todesfälle durch verunreinigtes Wasser geht in die Hunderttausende.

Bei den Nährstoffen ist es vor allem das Phosphat, dessen abbaubare Reserven bei konstantem Verbrauch nur noch für die nächsten 80 Jahre reichen. Da der Bedarf steigt, muss man sich schon allein aus diesem Grund etwas überlegen.

Ich besuchte Professor Otterpohl in seinem Institut an der TU. Eine Art Quantensprung in seinen Forschungen bewirkte das Phänomen der sogenannten Terra Preta. Terra Preta ist Portugiesisch und heißt soviel wie Schwarzerde. und. Diese Terra Preta ist im Amazonasgebiet zu finden und insofern ein Phänomen, weil es eine von Menschen gemachte Erde ist, die sich inmitten unfruchtbarer Böden findet. Die gesamte Vegetation des Amazonas ist hoch spezialisiert und extrem gut angepasst, um auf dem schlechten Latosolboden überleben zu können. Rodet man den Wald, um Ackerbau zu betreiben, ist das Ergebnis selbst unter Einsatz großer Mengen an Kunstdünger niederschmetternd. Hingegen sind die Erträge auf der Terra Preta weit überdurchschnittlich.

Die Antworten auf die Frage, was diese Terra Preta ist, wie sie hergestellt wurde und wie sie heute hergestellt werden kann, fallen naturgemäß verschieden aus. So viel sei gesagt, dass neben einer Art Kompostierung, der Kohlenstoff eine große Rolle spielt. In Rheinland-Pfalz ist bereits eine Anlage in Betrieb gegangen, die Terra Preta industriell herzustellen versucht. Eine solche Unternehmung wirft natürlich sofort die Frage von Patentrechten auf. Verschiedene Forschergruppen arbeiten daran, das Geheimnis dieser Terra Preta, die durch Dünger weder verbessert werden kann noch durch starken Regen ausgelaugt wird, zu entschlüsseln. Das Ziel ist eine einfache, frei zugängliche Technologie, die es jedem ermöglicht, ohne nennenswerten finanziellen bzw. technischen Aufwand eine entscheidende Verbesserung der Böden zu erzielen. Wenn es darüber hinaus gelänge, die Fäkalienentsorgung in diesen Prozess einzubinden – und es spricht viel dafür – dann könnte man gegen zwei der schlimmsten Übel gleichzeitig ankämpfen: Schlechte Böden und fehlende Fäkalienentsorgung.

Nach Professor Otterpohl muss diese Technologie jedoch zuerst in Hamburg, Berlin oder Mainz funktionieren, bevor sie exportiert, oder besser gesagt, verbreitet werden kann.

Die Terra Preta ist die Hinterlassenschaft einer Zivilisation, für deren Untergang die europäischen Eroberer mit ihren Schwertern, ihrem Joch, vor allem aber durch die von ihnen eingeschleppten Krankheiten verantwortlich waren. Heute wissen die Nachkommen der Präkolumbianischen Indios, die schon lange nicht mehr in ihren alten Siedlungsgebieten leben, nichts oder kaum noch etwas über die von ihren Vorfahren gemachte Erde.

Da es im Amazonasgebiet aufgrund des Klimas fast keine Steine gibt – das Fehlen von Steinen und damit von Mineralien ist neben dem starken Regen eine Ursache für die schlechte Bodenqualität – gibt es auch keine erhalten gebliebenen Bauwerke wie bei anderen Kulturen Mittel- und Südamerikas. Deshalb hielt man die Berichte der Eroberer, die von Siedlungen mit Tausenden von Bewohnern sprachen, von Straßen und Feldern, für Aufschneiderei oder Phantasien im Fieberwahn. Die noch relativ junge Amazonas-Archäologie gräbt in unseren Tagen aus der Terra Preta eine bis heute nicht oder kaum bekannte Kultur aus. In erbittert geführten Debatten streiten die Wissenschaftler verschiedenster Provenienz – unter ihnen Archäologen, Historiker, Ethnologen, Botaniker, Bodenkundler – darüber, ob es nur kleinere Nomadengruppen waren, die einen Urwald durchstreiften, oder ob im Amazonasgebiet mehrere Millionen Indios lebten und der sogenannte Urwald eine Kulturlandschaft ist, in der man selbst in kaum zugänglichen Gebieten auf durch Züchtung veredelte Pflanzen wie auf Tongefäße, plastischen Schmuck und Skulpturen trifft. Das, was wir Urwald nennen, erweist sich immer mehr als eine europäisch-romantische Fiktion.

Die politischen, sozialen, ökonomischen und juristischen Implikationen der Terra-Preta-Forschungen sind so disparat wie weitreichend. Plötzlich eröffnen sich Zusammenhänge zwischen einem überdimensionierten neuen Klärwerk in Ostdeutschland, das Kommunen und Haushalte bis heute Schulden aufgebürdet und der Datierung einer Tülle in Form eines Jaguarkopfes. Die Versuchsreihen in einem Universitätslabor in Hamburg oder einem Garten bei Eberswalde treten in Beziehung zu den Berichten der Konquistadoren. Sauberes Wasser und fruchtbarer Boden, sei es in Brasilien, in Deutschland oder auf den Philippinen, hat etwas zu tun mit Patentrecht und der Unabhängigkeit der Landwirte von Konzernen, die ihnen Saatgut, Dünger und Pestizide verkaufen wollen. Terra Preta könnte die Städteplanung ändern und zugleich eine neue Kunstgeschichte etablieren.

Wir hoffen, einen Faden zu finden, der uns durch dieses Beziehungsgeflecht führen wird. Noch lässt sich nicht sagen, wohin wir mit dieser Recherche geraten werden und ob es die richtige Spur gewesen sein wird, der wir gefolgt sind. Vielleicht aber gelingt es uns, die eine oder andere Selbstverständlichkeit als fragwürdig zu betrachten. Für die Möglichkeit, an so privilegierter Stelle an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken zu dürfen, danke ich Ihnen herzlich.

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