Vorstellung in der Darmstädter Akademie

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
dieses Vor-Sie-Hintreten lässt sich weder mit irgendeiner bisherigen Prüfung noch mit einem anderen Auftritt vergleichen. Es hat seine Entsprechung am ehesten in den Träumen eines Jungen von dreizehn oder vierzehn Jahren, der sich möglichst schnell einen Namen machen wollte, weil er glaubte, dass dann vieles einfacher würde, zum Beispiel berühmte und interessante Leute kennenzulernen.
Ich glaube nicht, dass solche Vorstellungen spezifisch sind für jemanden, der 1962 in Dresden geboren wurde. Aber sicher hatten Zeit und Ort ihre eigenen, diesen Wunsch begünstigenden Faktoren: Die so kunstsinnige wie selbstverliebte Stadt, das Hochhalten des Bürgerlichen samt vergleichsweise hierarchischen Umgangsformen und die heute kaum noch vorstellbare Aufmerksamkeit, die jedem Wort zuteilwurde.
Meine Mutter, alleinerziehend, von Nachtdiensten geplagt, aber ihren Beruf liebend, hatte den größten Einfluss auf mich. Vor allem Frauen hatten Anteil an der Erziehung meiner Gefühle. Den Umgang mit Männern, die mir als Lehrer, Trainer oder gefürchtete Väter von Klassenkameraden entgegentraten, musste ich erst erlernen.
Schon im Kindergarten hatte ich Angst vor der Armee und schöpfte Trost aus der Bemerkung einer Nachbarin, vielleicht wäre ja alles ganz anders, wenn ich achtzehn sein würde. Aber darauf zu hoffen, gab ich bald auf.
Aus Faulheit habe ich erst spät begonnen zu lesen. Zu Hause wurde jedoch viel erzählt und vorgelesen. Vergeblich bemühte ich mich, meinem Leben dieselbe Intensität zu verleihen, wie ich sie aus mündlichen und schriftlichen Geschichten kannte.
1981 legte ich an der Kreuzschule in Dresden das Abitur ab und wurde von November 1981 bis April 1983 Soldat der NVA in Oranienburg. Das Kriegsrecht in Polen und die Haltung der DDR dazu ließ die als Schüler gestellte Frage, ob man den Wehrdienst verweigern sollte oder nicht, plötzlich ungeahnt folgenreich erscheinen. Während der Armeezeit schrieb ich erste Erzählungen.
In Jena studierte ich Latein und Altgriechisch, dazu ein bisschen Germanistik und Kunstgeschichte. Ich hatte Glück mit einigen Hochschullehrern, die zu Freunden wurden. In Gesprächen außerhalb der Universität lernte ich vieles von dem, was noch meine heutige Sichtweise prägt.
Nach Altenburg kam ich 1988 als Schauspieldramaturg. Das Theater, zumindest jenes, das ich kennenlernte, war bestimmt von Autonomie im Alltag und einem ungewöhnlichen politischen Freiraum.
Der Herbst 89 war auch für mein Leben ein Umbruch. Doch der eigentliche Weltenwechsel stand mir noch bevor. Eben noch fast ein Berufsrevolutionär, wurde ich aus derselben Intention heraus zum Mitbegründer einer Zeitung. Die Währungsunion schien alle Worte überflüssig gemacht zu haben. Offenbar konnte man alles tun und lassen, wenn es sich nur rechnete. Ich hatte den Eindruck, als politischer Mensch nicht mehr gebraucht zu werden. Dieses Gefühl korrespondierte mit meinem erstmaligen Interesse an Geld. Aus dem Journalisten wurde ein Anzeigenblattverleger.
In dieser Eigenschaft entsandte mich ein Geschäftsmann Anfang 1993 nach St. Petersburg, damit ich dort das erste kostenlose Anzeigenblatt aufbaute.
Sehr vereinfacht gesagt, hat mich St. Petersburg zum Schriftsteller gemacht. Dort begriff ich, dass ich nicht weiter nach meiner eigenen unverwechselbaren Stimme suchen musste, sondern dass es angemessener ist, sich der Welt nach dem Resonanzprinzip zu nähern. Die Forderung Alfred Döblins, den Stil immer aus dem Stoff kommen zu lassen, wurde für mich maßgebend.
Über Literatur spreche ich lieber aus der Sicht des Lesers. Denn als Leser kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich Literatur brauche, weil sie mich mit meinen Erfahrungen nicht allein lässt, weil sie diese an Menschheitserfahrungen misst.
Seit 1993 lebe ich in Berlin, ich bin verheiratet, wir haben zwei Töchter.
Ich erhoffe mir von der Akademie, die als Idee ja älter ist als die meisten Religionen, einen Ort des freundschaftlichen Disputs und der Verständigung. Wenn ich die Akademie auch als eine eminent politische Einrichtung auffasse, dann deshalb, weil sie eine vergleichsweise unabhängige Institution ist und weil ich keinen anderen Ort wüsste, der geeigneter wäre, wieder grundsätzliche Fragen zu stellen. Mein Problem ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens unter der Lawine einer selbstverschuldeten Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Begriffe wie Freiheit und Demokratie zunehmend zum Popanz macht.
Ich kenne die Gepflogenheiten dieser Akademie noch nicht, ich freue mich aber und danke Ihnen, dass Sie mich hierhergerufen haben.
(2007)

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