Wähle eine Benennung

In Vercors’ Les animaux dénaturés von 1952 (dt. Das Geheimnis der Tropis) entdecken Anthropologen in Neuguinea Geschöpfe, von denen sie nicht wissen: Sind sie noch Tiere oder bereits Menschen? Ein Unternehmer sieht in den Tropis billigste Arbeitskräfte für die australische Textilindustrie, kauft die Rechte an jenem Landstrich samt Flora und Fauna und erklärt die Tropis zu Tieren. Das ruft die britische Textilindustrie auf den Plan. Der Journalist Templemore, Held des Romans, lässt eine weibliche Tropi mit seinem Samen befruchten. Sie gebiert in England ein Geschöpf, das Templemore, nachdem er es hat taufen und amtlich registrieren lassen, umbringt. Danach ruft Templemore die Polizei, er fordert Strafverfolgung und Prozess. Hat er ein Tier getötet oder seinen Sohn ermordet? Staatsanwaltschaft und Verteidigung laden wissenschaftliche Koryphäen vor. Die Geschworenen sind ratlos, weil ihnen niemand eine verbindliche Definition des Menschen geben kann. Deshalb sehen sie sich außerstande, ein Urteil zu fällen. Da jedem neuen Prozess ein ähnlicher Ausgang droht, beauftragt das britische Parlament eine Kommission, die eine juristische Definition des Menschen erarbeiten soll. Die Begründung, mit der die Tropis schließlich zu Menschen erklärt werden, fällt höchst fadenscheinig aus: Man deutet die Tatsache, dass sie Fleisch räuchern, als eine Art Fetisch-Handlung. Die britische Textilwirtschaft atmet auf.
Aus dieser fabelartigen Geschichte erfährt man, wie Benennungen entstehen und wie Benennungen unser Verhältnis zum anderen definieren. Vielleicht musste ich deshalb an Vercors’ Tropis denken, als ich vergeblich versuchte, eine Sprachglosse zu schreiben.
(2007)

zurück