Was wollen wir?
Dankrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007 in Weimar

Als ich im Mai 1983 Jena besuchte, um mir meinen zukünftigen Studienort anzusehen, geriet ich zufällig in eine sogenannte »Friedensdemo«. Plötzlich sah ich mitten in dieser Kundgebung eine Gegendemonstration. Auf den Tafeln und Spruchbändern, die vor allem Männer in Arbeitskleidung trugen, wurde die Einführung eines sozialen Friedensdienstes gefordert, die Abschaffung des Schulfaches Wehrkunde, eine Abrüstung in Ost wie West und freie Wahlen. Die Tafeln der Gegendemonstranten waren schnell kaputtgeschlagen, die Spruchbänder zerfetzt, Schulkinder mit DDR-Fahnen wurden vor die Unruhestifter beordert.
Wollte man, so wie ich, im Land bleiben und studieren, war man gezwungen zu lavieren. Auch wenn der Freiraum mit jedem Jahr größer wurde, hätten Forderungen wie die der Gegendemonstranten bis in das Jahr 1989 hinein die Exmatrikulation bedeutet. Andererseits wusste man sehr gut voneinander, wie man dachte und wofür man eintrat.
Als Studenten des Erstsemesters wurden wir belehrt, was wir zu tun hätten, falls wir illegale Flugblätter fänden. Ich hätte damals viel darum gegeben, so ein Flugblatt zu finden. Sechs Jahre später schrieben und verteilten wir selber welche.
Hinter manchen Fensterscheiben in Jena sah man zu Beginn der Achtziger ein mit Filz- oder Buntstift gemaltes »Vivat Polska!«, dazu ein rot-weißes Fähnchen. Als diese Fähnchen Ende 1989 an einigen Altenburger Fenstern auftauchten, war ich beeindruckt. Die Altenburger hatten offenbar nicht vergessen, wie viel wir den Polen verdankten. Ich selbst wollte eine ungarische Fahne ans Fenster kleben. Als ich das gegenüber Freunden erwähnte, sahen sie mich so erstaunt wie belustigt an. Auf diese Weise lernte ich, dass Rot und Weiß die Thüringer Landesfarben sind.
Nicht nur das, was man mit Rot-Weiß assoziierte, änderte sich. Alles änderte sich, die Freiheiten und Abhängigkeiten wurden andere.
In den folgenden Monaten erhitzte zu meinem Befremden nichts so sehr die Altenburger Gemüter wie die Frage, ob Altenburg sächsisch oder thüringisch werden sollte, wobei schon dieses »werden sollte« indiskutabel war, wussten doch beide Seiten nur zu genau, dass Altenburg schon immer entweder thüringisch oder sächsisch war.
Es ist müßig, darüber zu streiten, ob Altenburg sich anders entwickelt hätte, wäre die Stadt sächsisch »geworden«. Eines aber ist sicher: Den Thüringer Literaturpreis hätte man mir dann nicht zugesprochen.
Nach Weimar kam ich zum ersten Mal Mitte der siebziger Jahre bei einer Klassenfahrt. Wir wohnten in der Jugendherberge im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Vielleicht ist es für die DDR-Generation, der ich angehöre, nicht untypisch, dass sie Buchenwald vor Weimar kennenlernte. Dagegen gäbe es nichts einzuwenden. Doch was Elfjährige oder Zwölfjährige auf einer Klassenfahrt mit Sicherheit tun, nämlich laut reden und schreien und Musik hören, verstieß nicht nur gegen die Hausordnung, sondern galt als Beleidigung und Verhöhnung der Opfer. So wurden wir zu unmoralischen, ja beinah zu staatsfeindlichen Wesen erklärt. Der brüllende Herbergsleiter geriet zu einer Verkörperung des DDR-Antifaschismus, nicht zur einzigen glücklicherweise, aber doch zu einer einprägsamen.
Damals hörte ich auch von der Goethe-Eiche, wahrscheinlich knüpften sich daran Sätze über das andere Deutschland, über die Klassik und die Vorbildfunktion von Kunst.
In meiner Vorstellung haftet Weimar bis heute etwas Idyllisches an, als würden die Weimarer vor allem in Parks und Pavillons sitzen, musizieren, zeichnen, dichten und niveauvolle Gespräche führen. Außerdem liegt Weimar näher an Italien als das übrige Thüringen, ja als das gesamte restliche Deutschland. Hat man wie ich das Glück, als Stipendiat der Villa Massimo von Rom nach Weimar zu kommen, scheint das Thema für eine Rede vorbestimmt.
»Goethens Zurückkunft ist ungewiß und seine ewige Trennung von den Staatsgeschäften bei vielen schon wie entschieden. Während er in Italien malt, müssen die Voigts und Schmidts für ihn wie Lasttiere schwitzen. Er verzehrt in Italien für Nichtstun eine Besoldung von 1800 Talern, und sie müssen für die Hälfte des Geldes doppelte Lasten tragen.«
Wenn schon Schiller, wie hier in einem Brief an Körner vom 19. Dezember 1787, Goethe Nichtstun unterstellt, wie hart müssen dann erst andere geurteilt haben, denen weniger an Literatur lag. Schiller allerdings ahnt hier bereits, welche unausgesprochene Absicht Goethe mit seiner Reise noch im Sinn hatte, nämlich die »ewige Trennung von den Staatsgeschäften«.
Der italienische Germanist Roberto Zapperi behauptet, dass diese Loslösung – bei Weiterzahlung des Gehaltes – von vornherein geplant gewesen sei. Goethe war auf das Geld des Herzogs angewiesen, denn mit seinen Büchern verdiente er wenig, was vor allem an den Raubdrucken lag. Er kam aber auch kaum noch zum Schreiben. Als sich Goethe Anfang 1786 an den Berliner Verleger Unger wandte, lehnte dieser eine erste Werkausgabe ab. Unger hielt »die Honorarforderungen eines Autors, der schon länger nicht mehr auf dem Buchmarkt vertreten war«, für überzogen. Ende Juni 1786, etwa zwei Monate vor seiner Abreise nach Italien, legte Goethe dem Verleger Göschen einen Plan vor, seine Werke in acht Bänden zu veröffentlichen. Die Zahlungen von Göschen waren für die Reise eingeplant. Dem Herzog gegenüber diente Goethe die Vorbereitung seiner Werke für den Druck (um »allerley Mängel zu verbessern und allerley Lücken auszufüllen«) als Grund seines Rückzugs.
Das Geheimnis, das Goethe um Ziel und Dauer der Reise machte, so Zapperi, »war eine nötige Vorsichtsmaßnahme, um der Gefahr eines vorzeitigen Scheiterns des Planes zu begegnen. […] Die Distanz war die Vorbedingung für die Dauer der Reise. Der Herzog mußte vor die vollendete Tatsache einer langen Abwesenheit gestellt werden, die als bezahlter Urlaub gerechtfertigt war. […] Der Dichter kehrte nach fast zwei Jahren mit dem Erfolg in der Tasche nach Deutschland zurück. Carl August dispensierte ihn praktisch von allen Staatsgeschäften, und nicht nur das allein. Er erhöhte ihm sogar das Gehalt von 1600 auf 1800 Taler.«
Goethe hatte es geschafft, sich nach zehn Jahren Hofdienst einen Freiraum zu sichern. Denn: »Es lässt sich in dieser Werckeltags Welt nichts ausserordentliches zu Stande bringen.«
Er wusste, welche Zugeständnisse er machen musste, um halbwegs das Leben führen zu können, das er wollte.
Fünfzehn Jahre nach Goethe brach im Dezember 1801 Johann Gottfried Seume nach Italien auf. Sein Spaziergang nach Syrakus erschien bereits 1803, dreizehn Jahre vor dem ersten Band von Goethes Italienischer Reise. Man sieht die Dinge anders, wenn man zu Fuß geht und das Geld, das man besitzt, eingenäht im Rock mit sich trägt.
Seume verdiente sein Geld bei Göschen in Grimma als Korrektor, er bereitete die Oden Klopstocks zum Druck vor. Sein Reisebudget bestand hauptsächlich aus jenen 200 Talern, die ihm sein Freund Gleim sofort, stillschweigend und bedingungslos zur Verfügung gestellt hatte. Seume sollte das Geld erst dann zurückzahlen, wenn er so reich sei wie der reichste Bankier. Trotzdem beschwor Gleim ihn mehrfach, die Reise nicht zu unternehmen.
Seume hätte das Geld auch von Göschen bekommen. Aber das wollte er nicht: »Es wäre doch möglich, dass ich unglücklich wäre, wer kann alle Unfälle verhüten; dann, erlauben Sie mir, glaube ich, würden Sie den Verlust leichter verschmerzen, als er«, schreibt er an Gleim.
Eine andere Finanzierungsmöglichkeit hatte Böttiger angeboten, der ihm 400 bis 500 Reichstaler von dem Verleger Cotta verschaffen wollte, wofür Seume Reiseberichte von unterwegs liefern sollte. Seume lehnte ab. »Es ist immer drückend, Obliegenheiten zu haben, wodurch man einigermassen von dem Willen eines anderen abhängt.«
Seume, der Mann aus ärmlichen Verhältnissen, der als Rekrut nach England verkauft und nach Nordamerika verschifft worden war, um dort mitzuhelfen, die Unabhängigkeitsbewegung niederzukartätschen, hatte kein gutes Verhältnis zum Hof. »Es wehte mich oft eine kalte, dicke, sehr unfreundliche Luft an, wenn ich einer Residenz nahekam«, schreibt er in seinem Spaziergang, als er sich Dresden nähert. »Man trifft so viele trübselige, unglückliche, entmenschte Gesichter, dass man alle fünf Minuten auf eines stößt, das öffentliche Züchtigung verdient zu haben, oder sie eben zu geben bereit scheint.«
Göschen wagte nicht, den Spaziergang nach Syrakus zu publizieren. Dabei ist dieser in seinem kritischen Blick noch verhalten, misst man ihn an der auf Latein verfassten Vorrede zum Plutarch, der schonungslosesten Kritik der deutschen Verhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die ich kenne. Diese Vorrede war nicht Seumes einzige Schrift, die verboten wurde.
Goethe wusste, was er wollte und konnte, und Seume wusste es vielleicht noch besser.
Weiß aber auch ich, was ich will, wissen wir, was wir wollen?

Als mich Wulf Kirsten anrief, um mir die Juryentscheidung mitzuteilen, löste er große Freude bei mir aus. Der Preis, sagte er, sei mit 6000 Euro dotiert, das Geld käme von E.ON Thüringer Energie. Er fragte, ob ich den Preis annehme. Ich sagte ja. Ich freute mich über die Anerkennung und empfand zugleich einen Zwiespalt, in dem ich mich noch immer befinde. Es lohnte nicht weiter darüber zu reden, wenn dieser Zwiespalt einer wäre, in den nur von Fortuna begünstigte Künstler gelegentlich geraten. Es ist aber ein gesellschaftlicher Zwiespalt, mit dem wir täglich konfrontiert werden.
Meine erste Reaktion: Ich fragte mich, warum das Land Thüringen in seinem Kulturhaushalt nicht monatlich 250 Euro beiseitelegt, um dann alle zwei Jahre einen Literaturpreis zu vergeben. Stattdessen: Wir machen ein Geschenk, wenn es andere bezahlen.
Als ich die Dokumentation des ersten Thüringer Literaturpreises erhielt, sah ich mir zuerst die Fotos an. Die Urkunde von Sigrid Damm trägt als Briefkopf das Logo von E.ON Thüringer Energie. Sowohl an dem Rednerpult wie an der Fahne prangte es. Jemand, der nicht eingeweiht ist, könnte meinen, hier wird ein Betriebspreis in Thüringen vergeben.
In mir erwachte sofort der Anzeigenblattverleger, der ich zweieinhalb Jahre lang gewesen war. Sollte ich mir nicht diesen Werbeplatz beim nächsten Thüringer Literaturpreis sichern und dafür meine 6000 steuerfreien Euro verzinst verwenden? Ich gewönne die Aufmerksamkeit vieler wichtiger Leute, zum Beispiel die des thüringischen Kultusministers, und wenn ich mal ein Anliegen hätte, würde mich der Herr Minister bereits kennen und wissen, dass ich schon einmal was für die Kultur getan habe.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde es sehr begrüßenswert, dass ein Unternehmen sich bereit findet, Geld für lebende Schriftsteller auszugeben. So etwas passiert viel zu selten. Zudem stiftet E.ON Thüringer Energie ja nicht nur diesen Preis, sondern unterstützt noch andere literarische Unternehmungen, gerade auch für Kinder und Jugendliche. Und zum Glück gibt es in kleinen und großen Betrieben Leute, die aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus sagen: Wir wollen und wir müssen etwas von unserem Gewinn abgeben, wir wollen und müssen uns für die Gesellschaft engagieren.
Was mich jedoch als Bürger dieses Landes, der seit 1990 noch keine Wahl versäumt hat, irritiert, ist eine Entwicklung in allen Bereichen unserer Gesellschaft, die uns zunehmend auf solche verantwortungsvollen Chefs angewiesen sein lässt. Die Tendenz zur Refeudalisierung des Kulturbetriebes geht einher mit einer allgemeinen Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche: des Gesundheitswesens, der Bildung, des Sports, des Verkehrssystems, der Wohnungswirtschaft, der Energiewirtschaft – bis dahin, dass private Firmen Polizeiaufgaben übernehmen. Ich fürchte, dass es nur noch ein kleiner Schritt sein wird, bis private Armeen im Auftrag Deutschlands zum Einsatz kommen.
Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem wir selbst, wir Bürgerinnen und Bürger. Denn wenn wir in einer Demokratie leben, ist es an uns, jene Volksvertreter zu wählen, die Gesetze zum Wohl des Gemeinwesens beschließen – Gesetze, die es dem Gemeinwesen ermöglichen, seinen Aufgaben nachzukommen.
Diese Entwicklungen sind zu komplex, als dass sie allein auf Landesebene oder in den Kommunen gelöst werden könnten. Doch muss man sich auch dort Fragen stellen: Was wollen wir? Wo liegt die Grenze, jenseits derer wir Hoheitsrechte abgeben und Abhängigkeiten zulassen?
Mit ist schon klar, dass der Kultusminister wie jeder Leiter einer öffentlichen Einrichtung froh ist über jeden Cent, den er nicht aus seinem Haushalt nehmen muss. Das war aber nicht immer so und scheint mir auch keine Notwendigkeit zu sein in einem Land, dessen Bruttosozialprodukt mit jedem Jahr steigt.
Mich stört, dass wir dabei sind, das aufzugeben, was in einem langen Prozess erkämpft worden ist: dass der demokratische Staat seine Verantwortung wahrnimmt, nicht nur für die Künste. Mich stört, dass es kaum noch einen Ausstellungskatalog gibt ohne das Logo oder den Namen einer Firma; beinah jedes Festival oder Gastspiel gibt zu Beginn die Liste seiner Sponsoren bekannt. Sogar der Empfang der deutschen Botschaft in Rom zum Tag der Einheit wurde mit dem Dank an eine Autofirma eröffnet, deren Produkte wie Karyatiden den Eingang flankierten. Sie alle kennen Beispiele aus Ihrem Alltag. Diese Refeudalisierung ist bereits zur Selbstverständlichkeit geworden. Man könnte glauben, die Zustände in vielen deutschen Alters- und Pflegeheimen sind deshalb so erschreckend, weil es nicht gelungen ist, Sponsoren aufzutreiben.
Wenn der demokratische Staat nicht genug Geld hat, dann muss er entweder die Gesetze ändern, damit er wieder seiner Verantwortung gerecht werden kann. Oder er stellt sich selbst in Frage. Die Wahlbeteiligungen gerade auf Landes- und kommunaler Ebene scheinen mir in diese Richtung zu weisen (bei den Kommunalwahlen im Landkreis Altenburg lag sie 2006 bei 36,3 Prozent, in der Landeshauptstadt bei 37,2 Prozent). Die Interessen der Privatwirtschaft sind andere als die des Gemeinwesens.
Will man sich über das Engagement von Unternehmen in der Kultur informieren, liest man auf deren Internet-seiten, dass Kultur als »Beitrag zur Standortattraktivität« verstanden wird, als »Werbefaktor« und »unverzichtbarer sogenannter weicher Standortfaktor«. Sicher kann Kunst, Literatur, Theater, Musik auch dafür eingesetzt werden. Vor allem aber ist sie doch um ihrer selbst willen da, wie auch ein Mensch um seiner selbst willen da ist und sich nicht in erster Linie über seine Arbeits- oder Kaufkraft definiert. Die Anbindung des Kulturbegriffs an ökonomische Kriterien ist fatal, weil sie dazu verleitet, die Gelder vor allem dorthin zu geben, wo die größtmögliche öffentliche Wirkung im Sinne des Sponsoring erzielt werden kann. Dabei ist es unser aller Erfahrung, dass in Gegenden, die ökonomisch nicht viel zu bieten haben, schneller soziale Konflikte ausbrechen als anderswo und gerade dort kulturelles Engagement vonnöten wäre.
Hinzu kommt, dass Abhängigkeiten entstehen. Es wäre wohl schwer, Sponsorengelder für eine Diskussionsrunde aufzutreiben, die Vorteile und Nachteile einer Verstaatlichung der Stromindustrie erörtert. In einer aus Steuergeldern finanzierten Einrichtung wäre das – so hoffe ich – durchaus möglich.
Natürlich fällen die durch Steuergelder finanzierten Einrichtungen nicht immer kompetentere Entscheidungen als die Kulturbeauftragten börsennotierter Unternehmen. Als Bürger haben wir jedoch die Chance, einen Kulturstadtrat oder einen Kultusminister oder eine Regierung abzuwählen. Das können wir. Mit dem Kulturbeauftragten eines Unternehmens geht das nicht.
Nun bin ich mir sicher, dass weder Herr Böhm noch ein anderer Vertreter von E.ON Thüringer Energie mir in meine Arbeit hereinreden wird oder gar eine Erzählung erwartet, in der E.ON eine Familie vor dem Erfrieren rettet. Aber schon dass ich hier stehe, an diesem Pult mit der Aufschrift: E.ON Thüringer Energie, und fotografiert werde, macht mich zu einer Art Werbeträger. Ich bin kein besonders attraktiver oder wirkungsmächtiger Werbeträger, aber immerhin einer, dessen Wert sich mit 6000 Euro bestimmen lässt.
Mich stört, dass ich über E.ON nachdenken muss, wenn ich den Thüringer Literaturpreis annehmen will. Und natürlich muss ich mir Fragen gefallen lassen. Denn wie dem Energie Informationsdienst Nr. 34 dieses Jahres zu entnehmen ist, visiert E.ON trotz des milden Winters ein Ergebnis von 9 Milliarden Euro für 2007 an. Der bereinigte Konzernüberschuss stieg für das erste Halbjahr um 9 Prozent, von 2,8 Milliarden auf 3,1 Milliarden. Soll ich also Werbeträger für ein Unternehmen sein, dessen Chef trotz dieser Ergebnisse höhere Strompreise fordert und dieser Forderung auch konkrete Erhöhungen folgen lässt? Ist das jetzt und hier der richtige Platz, um meinem Preisgeldgeber sein Streben nach Maximalprofit vorzuwerfen? Soll ich sagen, wer solche Gewinne einfährt, darf die Preise nicht erhöhen?
Warum nehme ich den Preis überhaupt an? Weil ich immer noch glaube, dass es besser ist, darüber zu sprechen, als zu sagen: Sucht euch einen anderen. Und weil es sich die wenigsten in meiner Sparte leisten können, auf 6000 Euro zu verzichten. Die Abhängigkeiten von heute sind eher ökonomischer Natur, als dass eine direkte inhaltliche Maßregelung erfolgen würde.
6000 Euro sind viel Geld. Es ist ungefähr die Hälfte des durchschnittlichen Jahreseinkommens von Schriftstellern.
In einem Aufsatz (»Göschen & Seume in Grimma« von B. E. Fischer) las ich, dass 1800 Reichsdukaten etwa 40 000 Euro entsprechen. Wenn das stimmt, entspräche Goethes Jahresgehalt von 1800 Talern ungefähr 16 000 Euro (für einen Reichsdukaten bekam man zweieinhalb Taler). Und Seume hätte ein Budget von 1800 Euro für seine Tour gehabt. Demnach erhielt Goethe, sollten diese Zahlen tatsächliche Näherungswerte sein, etwa die Hälfte von einem Villa-Massimo-Stipendium. Darüber zu spekulieren, wie Seume oder Goethe auf einen Thüringer Literaturpreis reagiert hätten, überlasse ich gern anderen.

Meine idealisierende Vorstellung von Weimar belebte sich aufs Neue, als ich las, was der Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus vor zwei Jahren an dieser Stelle gesagt hat: »Wenn diesem Land noch etwas fehlt, dann ist es ein Literaturpreis.« Sollten die Thüringer tatsächlich einen Literaturpreis haben wollen, der ihren Namen trägt, müssten sie sich entschließen, monatlich 250 Euro in ihrem Haushalt beiseitezulegen. Andernfalls erschiene es mir besser, das Kind beim Namen zu nennen und von einem E.ON-Thüringer-Energie-Literaturpreis zu sprechen, denn das Unternehmen bezahlt auch die Juryarbeit, meine Fahrkarte, mein Hotel und den anschließenden Empfang – alles zusammen wohl noch einmal 6000 Euro.
Zum Schluss möchte ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Thüringen, der Literarischen Gesellschaft Thüringen und dem E.ON-Thüringer-Energie-Betrieb einen Vorschlag machen. Vielleicht stiftet E.ON Thüringen ab nächstem Jahr ein E.ON-Literaturstipendium in Höhe von 6000 Euro, das einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller zumindest für ein paar Monate ein Grundeinkommen sichert. Und die Thüringer entschließen sich dazu, den Preis, der ihren Namen trägt, selbst zu bezahlen. Weil ich in diesem Jahr vom Gemeinwesen schon so überaus fürstlich ausgestattet worden bin und weil ich gern bei der Verwirklichung meiner Vorschläge mithelfen möchte, stelle ich mein Preisgeld für diesen Zweck zur Verfügung, sollte Thüringen darauf eingehen. Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie tatsächlich über diesen Vorschlag miteinander sprechen würden. Vielleicht finden Sie ja noch eine bessere Lösung.
(2007)

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